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Wissenschaft

"Aus dem Bauch heraus" - nicht die schlechteste Entscheidung

Weichenstellungen: Triviales kann so quälend sein wie Lebensfragen – Welche Rolle dabei unser Gehirn spielt

Kristina Branz

Ja oder nein? Die blaue oder die schwarze Hose? Nudeln oder Reis? Auslandssemester oder Masterstudium?

Den einen fällt es kinderleicht, den anderen bereitet es stundenlanges Kopfzerbrechen: Entscheidungen zu treffen.

Die triviale Frage nach dem Mittagessen kann genauso quälend sein wie wichtige Lebensentscheidungen. Oftmals steht dabei die Vernunft dem Bauchgefühl gegenüber. Doch was ist das eigentlich? Was passiert bei Entscheidungen in unserem Kopf? Und wie können wir uns Entscheidungen leichter machen?

Dr. Kristin Michaelsen-Preusse (32) vom Zoologischen Institut der TU Braunschweig, Abteilung Neurobiologie, beschreibt das Phänomen so: "Menschliche Entscheidungen sind sehr komplex, da verschiedene Gehirnregionen miteinander verknüpft sind und bei einer Entscheidung zusammen arbeiten."

Dies sind vor allem das Großhirn, in dem alle komplexen Denkvorgänge stattfinden – und das sogenannte Limbische System, das Emotionen erzeugt.

Müssen wir nun eine Entscheidung treffen, bewertet unser Gehirn alle Möglichkeiten mit Hilfe dieses emotionalen Gedächtnisses. "Mein Gehirn überprüft, ob ich so etwas Ähnliches schon einmal erlebt habe und ob dies gut oder schlecht für mich war. Ausgehend von meiner Erfahrung entscheide ich mich dann für oder gegen etwas", sagt die Expertin.

Dieser Vorgang macht sich bei uns als das bemerkbar, was wir als "Bauchgefühl" kennen. Das kann je nach Situation ein einfaches Grummeln im Magen als Alarmglocke sein – oder aber auch ein Gefühl der Freunde und Erleichterung als Startimpuls.

Wissenschaftler sind sich deshalb einig: Rein rationale Entscheidungen gibt es nicht. "Die Rolle des Limbischen Systems ist sehr groß. Jede Entscheidung, die wir treffen, ist immer mit einer Emotion verknüpft. Wir haben uns eigentlich schon unbewusst entschieden, bevor wir uns dessen bewusst werden. Oft bringen uns dann auch Hintergrund- oder Faktenwissen bei der Entscheidung nicht weiter", betont Kristin Michaelsen-Preusse.

Diese Verknüpfung von Emotion, Erfahrung und Entscheidung ist evolutionär bedingt. Unsere Vorfahren mussten sich möglichst schnell und vor allem richtig entscheiden, um zu überleben.

Schwierig wird es, wenn die verschiedenen Gehirnregionen nicht mehr miteinander kommunizieren können.

Dies ist bei Menschen mit genetischen Defekten oder Störungen durch traumatisierende Erlebnisse der Fall. "Sie können Entscheidungen nicht mehr emotional bewerten und handeln so oft falsch. Bei Straftätern wird dies oft als Argument für die Schuldunfähigkeit gesehen."

Die Fähigkeit des Entscheidens ist deshalb auch bei intakter Psyche von Mensch zu Mensch unterschiedlich. "Die Grundaktivität in den beteiligen Gehirnbereichen schwankt. Wer sowieso eine hohe Aktivität aufweist, der kann sich schneller richtig entscheiden", so Michaelsen-Preusse.

Michaela Himstedt (50), Psychologische Psychotherapeutin beim Studentenwerk Ost-Niedersachsen, hat oft mit Studierenden zu tun, die Probleme haben, Entscheidungen zu treffen.

Ein wichtiger Aspekt zur Bewertung von Entscheidungen sind deren Komplexität und Folgen. "Wenn ich zwischen wenig Alternativen wählen muss und die Entscheidung keine dramatischen Folgen für mich hat, fällt es mir leicht, mich zu entscheiden", sagt sie.

Die Wahl zwischen Thunfisch- oder Salami-Pizza zum Mittag sollte daher also noch gut zu bewältigen sein.

"Entscheidungen fallen uns erst dann schwer, wenn wir nicht auf unser Bauchgefühl, also auf das Erfahrungsgedächtnis, achten. Dies ist vor allem bei sehr komplexen Problemen nötig, wenn der Verstand überfordert ist", erklärt Michaela Himstedt. Gerade Studierende würden in unserer heutigen Zeit darauf getrimmt, mit dem Verstand zu handeln und ihr Bauchgefühl hintenan zu stellen.

Ganz frei nach dem Motto: Da musst du jetzt halt mal durch.

"Es wird uns regelrecht abtrainiert, auf unser Erfahrungsgedächtnis zu hören." Die Konsequenz: Wir werden unglücklich – und neue Entscheidungen verunsichern uns, da wir in der Vergangenheit oft falsch entschieden haben.

Die gesellschaftlichen Erwartungen an Studenten sind stark gestiegen. Leistungsfähigkeit spielt die entscheidende Rolle. "Ich habe das Gefühl, dass die Tragweite der Entscheidungen größer geworden ist! Die Entscheidung, welches Vertiefungsfach ich wähle, kann für meine Zukunft viel entscheiden. Vor 20 Jahren war es nicht schlimm, wenn man ein Semester länger studiert und sich neu orientiert hat."

Studierende kämen immer öfter mit wichtigen Lebensentscheidungen wie der Frage nach einem Auslandssemester zu ihr.

In solchen Situationen rät die Psychotherapeutin:

"Pro-und-Kontra-Listen helfen, um die kognitive Seite zu bedienen und alle Informationen zu berücksichtigen. Aber das Tolle an unserem Bauchgefühl ist, dass es auch anspringt, wenn wir uns die Situation und die Folgen auch nur vorstellen. Wir müssen dann nur noch beobachten, wie wir uns dabei fühlen.", so Himstedt.

Eine andere Möglichkeit sei das "10-10-10-Modell". Wer beispielsweise über seine berufliche Zukunft entscheiden muss, sollte sich vorstellen, welche Auswirkungen sein Handeln in 10 Minuten, 10 Monaten und 10 Jahren haben könnte.

So lässt sich ganz einfach kontrollieren, ob die Entscheidung den eigenen Vorstellungen gerecht wird.

Eine weitere Alternative ist die sogenannte Katastrophenfrage. Frage: "Was würde im schlimmsten Fall passieren?" Damit ließen sich scheinbar schwerwiegende Entscheidungen schnell entschärfen. So unterschiedlich einzelne Entscheidungen beim Menschen ablaufen, so individuell können diese Entscheidungshilfen sein.

Bei einigen hilft es bereits, die berühmte Nacht darüber zu schlafen – oder das Problem eine Weile ruhen zu lassen.

"So banal es auch klingen mag, wenn sich beide Entscheidungen gleich gut oder schlecht anfühlen, dann ist es egal, dann können wir würfeln!", weiß Michaela Himstedt aus Erfahrung zu berichten.

Die Suche nach dem I-Tüpfelchen sei wirklich anstrengend. Außerdem müssten wir uns von der Vorstellung lösen, dass wir uns nach Entscheidungen immer gut fühlen müssen. "Manchmal gibt es eben nur das kleinere Übel", so die Psychologin.

Grundsätzlich rät Neurobiologin Michaelsen-Preusse bei allen Entscheidungen: "Wir sollten deshalb öfter auf unser Bauchgefühl hören, denn es sitzt im Gehirn."

Entgegen allen Erwartungen von außen sollten wir also doch nicht danach entscheiden, was theoretisch besser für uns wäre, sondern womit wir uns am wohlsten fühlen.

Einziges Problem, das gerade bei Studierenden keine Seltenheit ist: Müdigkeit und Stress sorgen dafür, dass wir die für uns falschen Entscheidungen treffen können.

"Die Zusammenarbeit der Gehirnregionen wird erschwert und die Vorhersage durch das Bauchgefühl kann negativ sein. Deswegen sollte man vor einer Klausur am besten nicht zu viel grübeln und nicht noch zu spät lernen", fügt Michaelsen-Preusse hinzu.

Den Erkenntnissen über das Bauchgefühl zum Trotz dürfen wir unsere Vernunft dann aber doch nicht ganz bei Seite schieben.

"Es gibt manchmal Momente, in denen wir unser Bauchgefühl sogar ignorieren müssen. Nämlich Situationen, in denen unser körperliches und seelisches Wohlsein gefährdet wäre."

Das heißt: Der Gang zum Zahnarzt mag einigen zwar Angst bereiten, aber hier heißt es: Augen zu und durch.

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Veröffentlicht: 07.12.2011 - 08:01 Uhr
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