Naturschützer warnen: Harz ist zu warm für Kunstschnee
Braunlage Derzeit werden am Wurmberg im Harz 6000 Bäume gerodet – für ein modernes Skigebiet. Naturschützer sprechen von der größten Fehlplanung aller Zeiten.
Für zehn Millionen Euro soll ein modernes Skigebiet entstehen.
Grund für den massiven Eingriff ist wirtschaftliches Interesse. Der Wintersportort Braunlage und die Wurmbergseilbahngesellschaft fürchten den wirtschaftlichen Niedergang, sollten die Besucherzahlen insbesondere im Winter zurückgehen. Die Ski- und Rodeltouristen bleiben aus, weil der Wurmberg seine Schneesicherheit verloren hat.
Abhilfe sollen nun unter anderem eine Beschneiungsanlage, verbreiterte Pisten, eine neue Abfahrtsstrecke, eine Flutlichtanlage, eine zusätzliche Seilbahn sowie eine Skihüttengastronomie schaffen. In Betrieb gehen soll das neue Skiparadies zur Wintersaison 2013/2014.
„Das ist die größte Harzer Fehlplanung aller Zeiten“, sagt Friedhart Knolle. Der Geologe, Naturschützer und Mitglied der BUND-Kreisgruppe Goslar meint das Wurmberg-Projekt mit den geplanten Beschneiungsanlagen. Hier die Argumente der Naturschützer gegen das renovierte Wintersportgebiet, das zur Skisaison 2012/2013 eröffnet werden soll.
Kunstschnee: „Die Erfahrung aus den Alpen zeigt, dass Temperaturen ab minus 3 Grad und niedriger sowie niedrige Luftfeuchtigkeit erforderlich sind, um erfolgreich Kunstschnee zu produzieren“, sagt Knolle. Im Harz sei die Luftfeuchtigkeit um 50 bis 60 Prozent höher als in den Alpen, außerdem werde seit den 1970er Jahren eine kontinuierliche Erwärmung des Harzes gemessen, weshalb er ja auch seine Schneesicherheit verliere. „Es ist fraglich, ob in fünf oder zehn Jahren noch die erforderlichen Umweltbedingungen erreicht werden, um im Harz Kunstschnee produzieren zu können.“
Wasserverbrauch: „Für einen Hektar Mais werden 1700 Kubikmeter Wasser benötigt. Für einen Hektar künstlichen Schnee braucht man pro Saison 4000 Kubikmeter.“
Wasserbeschaffung: Das Wasser, das für die Beschneiungsanlage benötigt wird, soll die Warme Bode liefern und in ein Reservoir gepumpt werden. „Der Wasserpegel sinkt unweigerlich, der Fluss kann sogar trockenfallen.“
Hochwassergefahr: Bei Schnee- und zusätzlicher Kunstschneeschmelze drohen die umliegenden Gewässer über die Ufer zu treten.
Speicherbecken: „Das ist kein idyllischer Bergsee, sondern ein unzugängliches Becken, in dem sich Wasser von bedenklicher Qualität befindet.“
Wasserzyklus: „Einen Wasserzyklus – Entnahme/Kunstschnee/Rückfluss – gibt es nicht. Im Gegenteil verlieren wir noch 30 Prozent Wasser allein durch Verdunstung.“
Sommertourismus: „Wanderer, die derzeit den Wurmberg attraktiv finden, werden nach dem Umbau eine unansehnliche Region vorfinden.“
Trinkwasserqualität: „Schneekanonen können Mikroorganismen und Pilze verbreiten. Es besteht die Gefahr einer Kontamination. Beispiele aus Frankreich zeigen, dass Anlieger dort nur mit abgekochtem Wasser leben können.“
Energieverbrauch: „Ein Hektar Kunstschnee erfordert einen Energieeinsatz von 13 000 bis 27 000 Kilowattstunden. Rund 100 Schneelanzen werden am Wurmberg für zehn Kilometer Piste eingesetzt. In den Alpen sind es 40 Schneekanonen pro zehn Kilometer.“ Hinzu komme der Verbrauch für die Flutlichtanlage.
„Unsere Einwände will keiner so recht hören“, sagt Knolle.
Fakten:
m Auftrag der Wurmbergseilbahngesellschaft Braunlage erarbeitete die Montenius Consult aus Köln das Papier „Beschneiungsanlage Wurmberg. Gutachten zur regionalwirtschaftlichen Bedeutung des Projekts im Hinblick auf die Befreiung aus dem Wasserschutzgebiet.“
Darin heißt es in Kapitel 5 „Fazit und Bewertung“ (Seite 54):
•Die Beschneiungsanlage führe zu 138 statt bisher 65 Betriebstagen;
•die Beschneiungsanlage sei Voraussetzung für umfangreiche Folgeinvestitionen;
•dadurch nennenswerte Attraktivierung des Wintersportangebots;
•zusätzliche 133 400 Eintritte am Wurmberg;
•zusätzliche 68 850 Übernachtungen;
Steigerung der touristischen Umsätze um 10,4 Millionen Euro;
•Schaffung von 210 neuen Arbeitsplätzen;
•Sicherung von 200 bis 250 bestehenden Arbeitsplätzen.top
