Stephan Weil im Porträt – Auch Schröder soll zufrieden sein
Braunschweig Stephan Weil soll Niedersachsen am Sonntag nach zehn Jahren CDU-Herrschaft für die SPD zurückerobern. Er selbst sagt über sich: "Ich bin nur ein einfacher biertrinkender Jurist."
Der Kandidat wusste, was auf ihn zukam. „Ich fahre rauf und runter durch Niedersachsen“, berichtete Stephan Weil, Hannovers Oberbürgermeister, vom Beginn einer mühsamen Mission. Weil saß im „Vater & Sohn“, einer Traditionskneipe in Hannover, und erzählte von seinen Besuchen an der Küste, von Windrädern und Ackerflächen. Es klang wie der erste Ausflug des Stadtjungen aufs Land.
Noch immer müssen Weils Wahlkampfhelfer Passanten aufklären, wer der freundliche Mann mit dem roten Schal ist, der mit ihnen reden möchte. Trotzdem sieht sich Weil nach langer Reise fast am Ziel. „Ich bin ausgesprochen gut drauf, fit und topmotiviert“, versicherte der SPD-Mann am Dienstag noch einmal.
Am Sonntag soll der Hannoveraner Niedersachsen nach zehn Jahren CDU-Herrschaft für die SPD zurückerobern. Weil war der Favorit der SPD-Führungen in Berlin und Hannover. Einen Mitgliederentscheid gegen den jungen SPD-Landtagsabgeordneten Olaf Lies um die Spitzenkandidatur zur Wahl gewann er. SPD-Chef Sigmar Gabriel und der Braunschweiger SPD-Bezirksvorsitzende Heil hatten Weil früh unterstützt. „Lies ist der bessere Wahlkämpfer, Weil wird der bessere Ministerpräsident sein“, lautete die Parole der SPD-Granden.
Weil trug einst Revoluzzer-Vollbart
Der 54-jährige Weil ist ein klassischer Sozialdemokrat. Der Vater war Volkswirt, die Mutter Hausfrau. Schon an jenem Traditionsgymnasium, das er in Hannovers Zooviertel besuchte, bot Weil der „Schüler-Union“ der CDU contra. Alte Bilder zeigen Weil mit Revoluzzer-Vollbart. Sein bester Freund wohnte in einem Haus, in dem später Gerhard Schröder lebte, Weils Vorbild. Weil landete bei den Jusos. Schon in Göttingen, wo er studierte, war Weil sechs Jahre Chef der örtlichen SPD. Kurz Anwalt, dann Richter und Staatsanwalt, wechselte Weil ins niedersächsische Justizministerium und brachte es bis zum Ministerialrat.
Schließlich wurde er Stadtkämmerer. Das ist eine klassische Position für Leute, die in einer Stadt noch mehr werden wollen. Als Oberbürgermeister fing Weil dann an, Landes-Journalisten zu einem jährlichen Presseabend ins Rathaus einzuladen. Er ließ Mappen mit Erfolgsbilanzen verteilen, er sprach über die schwierige Finanzlage und regte eine andere Steuerpolitik an. Nach der für die SPD verheerenden Landtagswahl 2008 schrieb er mit dem niedersächsischen SPD-Politiker Thomas Oppermann ein Thesenpapier zur Lage der Niedersachsen-SPD. Tenor: schlecht organisierte Partei, schlechter Wahlkampf, falscher Kandidat.
Doch während Co-Autor Oppermann als Modernisierer in der SPD auch mal gegen den Stachel löckte, als Landesminister gar Studiengebühren in Niedersachsen forderte, liegt Weil meist auf Parteilinie. Das hartnäckig SPD-geführte Hannover gilt als kaum reparabel rot-grün verfilzt. „Die Stadt Hannover schafft es nicht, ihr Potenzial auszunutzen“, sagt Jens Seidel, der junge CDU-Fraktionschef im Rat, auch über die Ära Weil. „Es herrscht so eine Art Mehltau“, findet Seidel.
Auf jeden Fall herrscht nicht die CDU. Weil gab als Oberbürgermeister im Rathaus noch eine große Pressekonferenz zu einer Studie, in der die Verkehrspolitik der Stadt in höchsten Tönen gelobt wird. Dabei sind Staus und rote Welle berüchtigt, der Rückbau von Straßen in der Stadt geht weiter.
"Ich bin nur ein einfacher biertrinkender Jurist"
Unangefochten im Rathaus, lernte Weil aber auch, von Termin zu Termin auf Leute zuzugehen. Mit zunehmendem Spaß machte er dann als Kandidat klassischen SPD-Wahlkampf: Helm auf zum Besuch bei den kriselnden Siag-Nordseewerken, Fotos mit Shantychören in Emden, die rote Rose immer griffbereit bei einer Tour durch Fußgängerzonen in Braunschweig oder Peine.
„Ich bin nur ein einfacher biertrinkender Jurist“ lautet Weils selbstironischer Lieblingsspruch. Besonders am Anfang seiner Kampagne zur Landtagswahl hat er die Oberbürgermeister-Karte gespielt. Der Münchner Kollege Christian Ude und Torsten Albig aus Kiel kamen zu Weil nach Hannover, ein netter PR-Gag. „Torsten Albig steht für eine transparente, bürgernahe und sachorientierte Landesregierung. Diese Tugenden der Kommunalpolitik tun der Landespolitik außerordentlich gut, nicht nur in Schleswig-Holstein“, hat Weil dem Kollegen gratuliert, nach dem der in Schleswig-Holstein Ministerpräsident wurde. „Ich versuche, meine Arbeit sehr ernsthaft zu machen“, hat Weil sich selbst charakterisiert.
Und auf den Vorwurf, sein „Schatten-Team“ mit den Minister-Kandidaten für Niedersachsen sei vielleicht fachkundig, aber ohne Glamour, konterte er: „So wird auch der Stil meiner Regierung sein.“ Doris Schröder-Köpf, die für die SPD zum Landtag kandidiert, bekam zuweilen mehr Schlagzeilen als Weil. Bekannter ist sie auch. Weil ficht das nicht groß an.
Vor allem seit Peer Steinbrück gezeigt hat, wie man Wahlkampf richtig versemmeln kann, wissen die Genossen Weils berechenbare und gar nicht so steife Art richtig zu schätzen. Und weil Weil bekennender Biertrinker ist, konnte ihm nicht einmal der Vorwurf eines Besuchs im Weinkeller von Carsten Maschmeyer etwas anhaben. Der Ruf des AWD-Gründers Maschmeyer hat auch in Hannover etwas gelitten, Schröder und Wulff werden zu Maschmeyers Freunden gezählt, aber Weil passt irgendwie nicht rein in die Szene.
„Oberbürgermeister oder Ministerpräsident?“, fragte die „Neue Presse“ Weil Ende 2008. „Oberbürgermeister“, sagte Weil. Was sonst.
Fakten: Stephan Weil (54)
Der gebürtige Hamburger wuchs in Hannover auf. Weil studierte nach dem Zivildienst Jura in Göttingen. Er arbeitete als Anwalt, Richter und Staatsanwalt sowie im Justizministerium in Hannover. Von 1997 bis 2006 war Weil Kämmerer in der Stadtverwaltung Hannover. Von 1991 bis 1997 war er Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Hannover-Stadt. Seit November 2006 ist Weil Oberbürgermeister von Hannover. Am 27. November 2011 wurde er per Mitgliederentscheid zum Spitzenkandidaten der Niedersachsen-SPD für die Wahl des Ministerpräsidenten gewählt. Seit Januar 2012 ist er auch SPD-Landesvorsitzender. Weil ist verheiratet und hat einen Sohn. Er ist begeisterter Hobby-Läufer.
