Schul-Debatte: „Zu viel Stoff in zu wenig Zeit“
Braunschweig Schulpolitik gehört zu den entscheidenden Themen der Landtagswahl. Beim Leser-Forum zu diesem Thema zeigten sich Freitag die zahlreichen Facetten.
Zu viel Stress, zu wenig Zeit für Hobbys und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit – Schüler und Leser unserer Zeitung haben scharfe Kritik an der Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren geübt. Karl-Heinz Klare, CDU-Fraktionsvize im Landtag, sagte gestern Abend auf dem Leserforum unserer Zeitung in Braunschweig zu, die Lehrpläne weiter zu durchforsten. „Es muss geklärt werden, wo Inhalte sinnvoll gekürzt werden können.“
Oppositions-Politiker im Land sprachen sich zudem dafür aus, es den Schulen zu überlassen, ob sie Schülern das Abitur nach zwölf oder nach 13 Jahren anbieten wollen. „G 8 ist ein System, das den unterschiedlichen Lerntypen nicht gerecht wird“, sagte Gabriele Heinen-Kljajic von den Grünen. „Wir müssen Eltern und Schülern die Wahl überlassen.“
Zuvor hatte Torben Kruse vom Stadtschülerrat Braunschweig von ausgebrannten Schülern und Lehrern berichtet. „Es wird zu viel Stoff in zu wenig Zeit beigebracht.“ Politiker, Eltern und Schüler plädierten auch dafür, die Vereinsarbeit besser in den Schulen zu verankern, damit Schüler trotz Lerndichte ihren Hobbys nachgehen können.
Streit gab es hingegen über die Anzahl der Schulformen. „Die Zukunft wird ein zweigliedriges System“, ist Horst Audritz, Lehrer in Wolfenbüttel, überzeugt. Neben dem Gymnasium werde es noch eine Schulform geben, die Haupt- und Realschule umfasst.
Leser schickten uns vorm Leserforum Fragen und kritische Anmerkungen. Hier eine Auswahl besonderer Zitate:
Wolfram Buchwald aus Gifhorn: „Die Anzahl der Schulformen nach der Grundschule zeigt die hoffnungslose Konzeptlosigkeit der Politiker: Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Gesamtschule und nun auch noch die Oberschule.“
Frauke Herling aus Cremlingen: „Die Schulpolitik in Niedersachsen ist Turmpolitik: Entscheidungen wie zum Beispiel die Blockade von IGS zu Gunsten von „Oberschulen“, das G8 und die Schullaufbahnempfehlung in Klasse 4 lehnen die Mehrheit der Eltern und viele Lehrer ab, da diese an Bedürfnissen und Notwendigkeiten vollkommen vorbeilaufen.“
Knut Hartmann aus Braunschweig: „Der Zeitdruck und der psychische Druck haben seit G8 (dem verkürzten Abitur) für alle Beteiligten enorm zugenommen – unter Zeitdruck gedeiht gar nichts.“
Anne Lenhardt aus Braunschweig: „Alle Jahre wieder wird statistisch belegt, dass in Deutschland die Schulkarriere der Kinder herausragend vom Status des Elternhauses abhängt, das heißt soziale Benachteiligung wird tradiert.“
Raphaela Harms aus Schöppenstedt: „Ganztagsschule ist mitnichten gleich Ganztagsschule. Die vom Land gestellten Lehrerstunden zu vergleichen, ist interessant bis schockierend.“
Heide Müller: "Das G8 (also das Abitur am Ende des 12. Schuljahres) hat in erster Linie für Schüler, Eltern und Lehrer Überforderung und psychischen Stress bewirkt! Viele Schüler wiederholen freiwillig Klasse 11 oder befinden sich in ärztlicher Behandlung wegen psychischer Probleme, die durch Schulstress entstanden sind. Der Nachhilfeunterricht boomt! Schulpolitik kann kein Interesse daran haben, Schüler, Eltern und Lehrer dermaßen unter Druck zu setzen, dass sie am Ende eher nur noch weniger leisten können als mehr, im schlimmsten Fall Leistung verweigern oder unter Burnout zu leiden. “
Rebekka Schönfelder: „Binnendifferenziertes Arbeiten, bei dem jedes Kind in seinem Tempo lernen kann, findet an der IGS nicht statt. Doch das wäre ja die Voraussetzung dafür, dass schwache und starke Kinder gefördert werden. Ja, die fest vorgeschriebene Anzahl an Klassenarbeiten, bei der alle Kinder einer Klasse am gleichen Tag die gleiche Arbeit schreiben müssen, macht dies geradezu unmöglich. Auch die angepriesene Abschaffung der Noten bringt nichts, wenn die Klassenarbeiten statt mit 6 Ziffern mit 3 Farben „benotet“ werden. Ist das nicht Augenwischerei?“
Petra Jacobs aus Braunschweig: „Meine Forderung: Mehr Lehrer einstellen, den Lehrplan entrümpeln und nicht alles auf die Lehrer abschieben. Lehrer sind zu viel mit erzieherischen Aufgaben belastet. Dies sollten mal wieder die Eltern übernehmen!“
Friederike Leithner: „In welcher Fraktion gibt es Abgeordnete, die das außerschulische Leben verteidigen, das heißt: Musik auf gutem Niveau betreiben, zum Sport, in die Kirche gehen, auch einfach nur mal bei der Oma vorbeischauen oder einen Nachmittag ungestört lesen, also alles zu machen, was für die Individualität einer werdenden Persönlichkeit wichtig ist.“

