Behinderter Weitspringer Rehm nicht für EM nominiert

Frankfurt/Main  Springt man mit einer Beinprothese wie mit einem normalen Sprunggelenk? Nein, findet der DLV, und nominiert einen behinderten Sportler deswegen nicht.

Markus Rehm beim Weitsprung. Der Unterschenkelamputierte Rehm hatte wurde nicht für die EM nominiert.

Foto: Sven Hoppe/dpa

Markus Rehm beim Weitsprung. Der Unterschenkelamputierte Rehm hatte wurde nicht für die EM nominiert. Foto: Sven Hoppe/dpa

Paralympics-Sieger Markus Rehm ist vier Tage nach seinem spektakulären Weitsprung-Sieg von Ulm auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Der 25-jährige Leverkusener darf nicht als erster Behinderter bei der Leichtathletik-EM in Zürich antreten.

„Ich finde es schade und enttäuschend“, sagte er nach der gestern verkündeten Entscheidung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Biomechanische Messungen der Weitsprünge von Rehm und seines Konkurrenten Christian Reif bei den deutschen Meisterschaften hätten erhebliche Bedenken an einer Chancengleichheit geweckt.

„Die in Ulm gemessenen Werte zeigen auf, dass sich Anlauf und Absprung signifikant unterscheiden. Es besteht der deutliche Zweifel, dass Sprünge mit Beinprothese und mit einem natürlichen Sprunggelenk vergleichbar sind“, erklärte DLV-Präsident Clemens Prokop.

Der unterschenkelamputierte Rehm hatte bei den nationalen Titelkämpfen – bei denen er unter Vorbehalt starten durfte – mit 8,24 Metern gewonnen.

Entgegen seiner Ankündigung, den DLV-Beschluss zu akzeptieren, hält er sich nach seiner Nichtnominierung weitere Schritte offen. „Wenn ich Zweifel an der Begründung habe, werde ich mich beraten“, sagte Rehm gestern. Die biomechanische Analyse könne keine Grundlage für seine Nichtberücksichtigung sein: „Das halte ich für schwierig und unseriös.“

„Es ist schade, ich hätte dem DLV gewünscht, mutiger zu sein“, sagte Karl Quade, Vizepräsident des Deutschen Behindertensportverbands und kritisierte: „Aus meiner Sicht ist die Untersuchung in Ulm keine solide Basis. Dass man daraus valide ableiten kann, Markus Rehm hätte einen Vorteil, weiß ich nicht.“ Dies betonte auch der Kölner Biomechaniker Gert-Peter Brüggemann. Diese Studie sei nicht seriös, es müsse tiefgreifendere Analysen geben.

Enttäuscht zeigte sich auch die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele. „Das ist kein guter Umgang mit der Leistungsfähigkeit von Behinderten, was ich sehr irritierend finde. Wenn Markus Rehm 7,50 Meter gesprungen wäre, hätte es keinen gestört.“

Rehm könnte nun den Rechtsausschuss des DLV anrufen, wenn er gegen die Nichtnominierung juristisch vorgehen will. Noch nicht entschieden, aber davon auszugehen ist, dass der Weitspringer seinen Titel von Ulm an Reif abgeben muss. Als dritter EM-Starter neben Europameister Reif und Sebastian Bayer wurde nun Julian Howard nominiert.

Bei den biomechanischen Messungen von Rehms Sprüngen in Ulm stellten die Trainingswissenschaftler des Olympiastützpunkts Frankfurt/Main fest, dass es bei Anlauf und Absprung zwischen Prothesenträger Rehm und dem nahezu gleich weit gesprungenen Reif erhebliche Unterschiede gibt.

Rehm sei langsamer angelaufen, habe aber eine „überdurchschnittlich hohe Vertikalgeschwindigkeit beim Verlassen des Bodens“ gehabt. Dies könnte auf einen möglichen Katapulteffekt der Karbon-Feder der Prothese schließen lassen.

Laut Chef-Bundestrainer Idriss Gonschinska haben die Messungen ergeben, dass Rehm beim Absprung eine Geschwindigkeit von 9,73 Meter/Sekunde hatte und Reif von 10,74. Das begründe die Zweifel, ob vergleichbare mechanische Bedingungen bestehen bei einer Karbonfeder und einem Muskelsehnen-System.

Der DLV will das Thema nicht zu den Akten legen. „Es geht darum, dass wir weltweit zu einer einheitlichen Regelung kommen. Wir werden an den IAAF herantreten und dringend um eine Lösung bitten“, meinte Prokop. dpa

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