Im Stasi-Knast schenkt ein Stück Himmel Hoffnung

Berlin  Michael Brack erzählt, wie er im Stasi-Gefängnis in Berlin überlebt hat. Auszubildende aus unserer Region erleben den Zeitzeugen.

„Heute gehe ich hier die Wege entlang, nicht mehr die Stasi-Männer in Uniform“, sagt Michael Brack. Sein Blick geht Richtung Himmel, das Stück, das er aus der Freiluftzelle heraus sehen kann: ein schmales, blaues Rechteck mit weißen Wolkenflecken, etwa vier Meter lang. Rechts und links ragen graue Betonmauern in die Höhe, darüber wickelt sich der Stacheldraht. Brack zieht an seiner Zigarette.

Der 68-Jährige ist ein Zeitzeuge aus der DDR, führt Menschen durch das Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen in Berlin und erzählt seine ganz persönliche Geschichte. Eine Geschichte, die die DDR für Zuhörer unmittelbar und authentisch macht. Besonders für diejenigen, die diese Zeit nicht miterlebt haben. So wie die 30 Auszubildenden aus unserer Region, die auf ihrer Fahrt nach Berlin das Checkpoint-Charlie-Museum und die Gedenkstätte Hohenschönhausen besuchen. „Die DDR ist als Thema im Alltag eigentlich nicht präsent. Aber in der Schule haben wir darüber gesprochen“, erzählt die 19-jährige Esra Bilir, die eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Nord-LB in Braunschweig absolviert.

In Berlin kann sie die Geschichte mit den anderen Auszubildenden hautnah erleben: eine Verbindung von Ort und Schicksal, die überzeuge. „Das hat nichts mit Überwältigung zu tun, sondern mit Unmittelbarkeit. Dadurch entwickeln die Besucher ebenfalls einen emotionalen Bezug zur DDR-Geschichte“, erklärt André Kockisch, Pressesprecher der Stiftung Hohenschönhausen.

Die Freiluftzelle, in der Michael Brack mit den Besuchern steht, hat ihm während seiner dreimonatigen Gefangenschaft viel Hoffnung geschenkt. „Hier konnte man etwas anderes sehen. Den Himmel, Wolken, Vögel, wenn man Glück hatte“, erzählt der 68-Jährige. Seine gut 90-minütige Führung durch das Stasi-Untersuchungsgefängnis endet an diesem Ort. Doch bevor er mit den Auszubildenden aus unserer Region diese Erinnerung teilt, führt er sie durch die Gefängnistrakte von Hohenschönhausen, zeigt Zellen, erzählt von dem großen Leid, erzählt seine ganz persönliche Geschichte. Sie beginnt bei seiner Ankunft im Untersuchungsgefängnis.

Zeitzeugen sind ein wichtiger Teil der Geschichte

In einem kleinen Transportwagen sei er ins Gefängnis gebracht worden. Die Auszubildenden stehen neben ihm in der Garage, in dem der Wagen damals haltmachte. Stille. Dann donnert das Wort „Raus“ durch die Garage. Erschrocken schauen die Auszubildenden Brack an. „Genau so war es damals. Und was ich euch nun erzähle, habe ich zu 90 Prozent selbst erlebt“, betont der Zeitzeuge. In Hohenschönhausen sind etwa die Hälfte der Museumsführer Zeitzeugen, die anderen sind Historiker. Als die Gedenkstätte 1994 eröffnete, begannen ehemalige Häftlinge mit den Führungen. Seit eineinhalb Jahren erzählt Michael Brack anderen Menschen von seinen Erlebnissen.

Brack demonstrierte als 19-Jähriger mit langen Haaren beim Prager Frühling 1968. Ein Jahr später wurde er von der Stasi verhaftet. Über den Prager Frühling wird auch in einem Video in der Gedenkstätte gesprochen, das die Auszubildenden anschauen. So ein Video würde dazu beitragen, die Gedenkstätte immer mehr in ein Museum zu wandeln, erklärt André Kockisch. Wenn Zeitzeugen ihre Geschichten irgendwann nicht mehr erzählen wollen oder können, dann würden die Museumsführer aus den Zeitzeugenberichten, die in der Gedenkstätte dokumentiert werden, eben noch mehr solcher Video-Ausschnitte zeigen und Worte zitieren.

Doch noch sind die Zeitzeugen vor Ort. So wie Michael Brack, der mit den Zuhörern durch eine Tür in den Gefängnistrakt geht. Vor den Zellen bleiben die Auszubildenden stehen, nacheinander werfen sie einen Blick in die kleinen Räume, in denen lediglich Liegen stehen. Am Tag durften die Gefangenen nicht darauf liegen. Nachts wurden sie alle 15 Minuten kontrolliert. „Wir sollten auf dem Rücken liegen, die Hände über der Decke, so wollte man sicherstellen, dass wir uns nichts antaten“, erinnert sich Brack. Er schiebt den Kopf nach vorne und schüttelt ihn leicht. Die weißen Locken schwingen mit. „Ich frage mich, wie man sich da hätte umbringen sollen.“ Er erzählt, wie die Wachen dröhnend an die Tür klopften, das Licht anging. Er schreit laut, damit die Auszubildenden nachvollziehen können, wie es sich angefühlt hat. Seine Zuhörer schauen ihn an und schweigen.

Mit psychologischen Tricks wurden die Gefangenen gequält

Wurde ein Gefangener in einen der Verhörräume geführt, ging es für ihn gemeinsam mit einem Aufseher durch die Gänge. Noch heute lässt sich das nachvollziehen. Hinter Brack laufen die Auszubildenden über den vergilbten Linoleum-Boden mit Blumenmuster her. Sie halten Abstand zu den gelblichen Wänden, an denen der Putz schon abbröckelt. Ab und an bleiben Einzelne stehen und schauen durch die kleinen Fenster der dicken, schweren, grauen Zellentüren. „An diese Zellen werde ich mich noch in fünf Jahren erinnern“, sagt die 20-jährige Joyce Stette. Sie ist Auszubildende bei Neuland in Wolfsburg.

Für Brack ist es eine Art Therapie, dass er diese Räume nun in Freiheit betreten kann, dass er kommen und gehen kann, wann er will. Seit eineinhalb Jahren führt er Interessierte schon durch Hohenschönhausen.

Bei seinem Weg durch die Gänge Richtung Verhörraum bleibt Brack stehen, drückt einen Schalter, ein Ampelsystem schaltet auf Rot. Diesen Schalter haben die Wärter gedrückt, wenn in einem anderen Gang ein Gefangener langging. „Wir sollten nie einen anderen Gefangenen sehen“, erzählt Brack. Die Gefangenen sollten sich isoliert fühlen. In „geplanter Ereignislosigkeit“, wie Brack es nennt, versinken.

Einmal die Woche sei er in einen Verhörraum gebracht worden. In einem solchen stehen nun auch die Auszubildenden, es ist die vorletzte Station ihrer Führung. „Kennt ihr das Stockholm-Syndrom?“, fragt der Zeitzeuge in die Runde. „Wenn Opfer eine positive Verbindung zu dem Täter aufbauen?“. So ähnlich sei es Brack mit dem Offizier gegangen, der ihn verhört habe. „Man hat sich nach dem Vernehmer gesehnt, weil er der einzige war, der mit einem geredet hat.“ Es seien psychologische Tricks gewesen, mit denen man versucht habe, Geständnisse aus den Gefangenen herauszulocken. Sie wussten auch nicht, in welchem Gefängnis sie untergebracht waren. Das sei die Taktik gewesen: völlige Orientierungslosigkeit.

Brack weiß erst seit 1991, dass das Gefängnis, in dem er inhaftiert war, in Hohenschönhausen liegt. Zum Zeitpunkt seiner Inhaftierung wusste er nicht, wie lange er dort bleiben muss. „Die DDR hatte kein Interesse daran, die Ereignisse von ’68 aufzuarbeiten“, sagt Brack. Deshalb sei er wieder herausgekommen. Nach der Haft war an eine Karriere in der DDR aber nicht mehr zu denken. Erst war er Hilfsarbeiter, dann wurde er zur Armee eingezogen. Nach der Wende ist er Bürgermeister seiner Gemeinde außerhalb von Berlin geworden, wo er sich zu DDR-Zeiten mit seiner Frau einen Restbauernhof gekauft hatte. Am Ende der Führung steht Brack unter diesem Rechteck Himmel, der Freiluftzelle. Ein langer Aschefaden hängt an seiner Zigarette und segelt langsam zu Boden. Brack steht dort, leicht gebeugt, eine Hand in der Hosentasche. Die Azubis schweigen noch immer. „Seid dankbar für die Freiheit, die wir in unserer Demokratie haben“, sagt Brack zu ihnen. Denn: „So etwas wie Hohenschönhausen ist mit den heutigen Juristen in Deutschland nicht mehr zu machen.“ Andere Staaten aber betreiben heute noch solche Gefängnisse – wie die Hochsicherheitsanstalt Silivri in der Türkei. „Die Inhaftierungen in der Türkei sehe ich mit Besorgnis“, sagt Brack. Er steckt sich eine neue Zigarette an und ist schon auf dem Weg zum Ausgang.

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