Ärger über unstete Schulpolitik

Braunschweig  Die verkürzte Schulzeit soll wieder länger werden. Das irritiert Eltern und Schüler. Was beim nächsten Regierungswechsel passiert, ist offen.

Bei einer Demonstration in Wolfsburg forderten im Jahr 2010 Schüler, die Schulzeit von 13 Jahren bis zum Abitur beizubehalten.

Foto: Helmke

Bei einer Demonstration in Wolfsburg forderten im Jahr 2010 Schüler, die Schulzeit von 13 Jahren bis zum Abitur beizubehalten. Foto: Helmke

Ein Nutzer unserer Internetseiten, der sich Manfred nennt, schreibt:

Und falls in drei Jahren wieder die CDU regiert, geht es zurück zu G8 für alle. Arme Schüler!

Dazu recherchierten Michael Ahlers und Jens Gräber

Die Vorhersage unseres Lesers könnte wenigstens teilweise zutreffen. „Die CDU-Fraktion fordert zur Stärkung der Gymnasien: Weiterentwicklung des Abiturs an Gymnasien, Schülerinnen und Schüler legen das Abitur gleichrangig nach 12 oder 13 Jahren ab.“ So heißt es in den aktuellen „Loccumer Beschlüssen der CDU-Landtagsfraktion“ zur Bildungspolitik.

„Jeder Schülerin und jedem Schüler wird der Weg zum ,Abitur im eigenen Takt‘ eröffnet, das ihren oder seinen unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht wird“, heißt es weiter. Die CDU trägt damit der Tatsache Rechnung, dass sie lange für das G8 eintrat und es zu ihrer Regierungszeit eingeführt wurde.

Der vorerst letzte CDU-Kultusminister in Niedersachsen, Bernd Althusmann, wollte das G8 reparieren, ein Zurück zum G9 hielt er für nicht vermittel- und zumutbar. Auf die Frage, was die CDU im Falle einer erneuten Regierungsübernahme täte, verweist die Fraktion auf eben jene Loccumer Beschlüsse. Das hieße: Es ginge nicht komplett zurück zum G8, aber eben teilweise. Inwieweit die CDU diese Position aber in ein Wahlprogramm schriebe, wenn sich eine andere Regelung bewährt, ist eine ganz andere Frage.

Eltern und Schüler sind jedenfalls schon von der aktuellen, unerwartet frühen Entscheidung des Ministeriums irritiert. „Ich finde es schade, dass nun nicht der Bericht der Expertenkommission abgewartet wird“, sagte Sabine Hohagen, Vorsitzende des Landeselternrates.

Auch Helge Feußahrens, der Vorsitzende des Landesschülerrates in Hannover, ärgert sich vor allem über die schnelle Entscheidung. „Der Bericht der Expertenkommission liegt noch nicht vor – sich jetzt festzulegen, finde ich nicht okay. Die treffen sich ja nicht nur, um Kaffee zu trinken“, sagt er.

Auch Dominik Ruppelt, 17 Jahre alt und Schüler des Gymnasiums im Schloss in Wolfenbüttel, ist vom Zickzack-Kurs in der Schulpolitik nicht begeistert. Schon die Umstellung auf die kürzere Schulzeit fand er voreilig. „Jetzt gibt es wieder eine schnelle Entscheidung – man sollte sich vorher ein paar mehr Gedanken machen“, findet Ruppelt.

Bei der Frage, ob nun G8 oder G9 das bessere System ist, sind die Fronten allerdings weniger klar. „Wir selbst haben noch keine endgültige Position zu der Frage, ob wir für das System G8 oder G9 plädieren“, sagt die Elternrats-Vorsitzende Hohagen. Ina Kinschert, Elternrätin in Wolfsburg, sagt dagegen in unserem Interview, sie freue sich vor allem über die Rückkehr zu G9. „Die Schüler sind sonst viel zu jung, wenn sie fertig sind mit der Schule.“

Schülervertreter Feußahrens sagt dazu nur, es gebe im Schülerrat unterschiedliche Positionen. Das gilt offenbar nicht nur für den Rat. Die 17-jährige Annika Koblitz vom Helmstedter Gymnasium am Bötschenberg sagt, durch die Verkürzung habe sie deutlich weniger Freizeit. Und: Wer mit 17 sein Abitur mache, könne Probleme bei der Suche nach einem Arbeitsplatz bekommen. „Man hat dann ja noch keinen Führerschein“, so Koblitz.

SCHULZEITEN IN DEUTSCHLAND

G8 gilt in den Bundesländern Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Saarland. In Bayern ist ein Volksentscheid über die Rückkehr zu G9 geplant. Niedersachsen plant, die Schulzeit zu verlängern.

G8 mit einer G9-Option gilt in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg. In Schleswig-Holstein auch, dort ist ein Volksentscheid über die Rückkehr zu G9 geplant.

G9 gilt in Rheinland-Pfalz.

Quelle: Die Welt

Dominik Ruppelt, 17 Jahre alt und Schüler des Gymnasiums im Schloss in Wolfenbüttel, sagt dagegen, er selbst spüre keinen besonderen Druck durch G8. Er kenne aber wiederum viele Schüler, die nie Zeit hätten, weil sie lieber lernten. „Die finden, ein Jahr mehr Zeit könnte nicht schaden.“

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