Das Rätselraten geht weiter

Wolfenbüttel. Ernüchterung prägte die gestrige Pressekonferenz in Wolfenbüttel, weil es immer noch keine Antwort auf die Frage gibt, die vor allem die Menschen rund um die Asse so sehr bewegt: Warum ist die Zahl bestimmter Krebserkrankungen in der Samtgemeinde Asse so auffallend hoch?

„Die erhöhte Häufung in der Samtgemeinde kann nicht auf eine Tätigkeit in der Schachtanlage Asse zurückgeführt werden.“

Landrat Jörg Röhmann präsentierte die Ergebnisse der nun abgeschlossenen zweijährigen Untersuchung mit der Samtgemeinde-Bürgermeisterin Regina Bollmeier und der Leiterin des Kreis-Gesundheitsamtes, Dorothea von Nicolai.

Die Ausgangslage

„Es ist unbefriedigend, dass die Ursache der erhöhten Häufigkeit der Krebsfälle nicht herauszufinden war.“

Im Jahr 2008 wollte der Kreis Wolfenbüttel vom Niedersächsischen Krebsregister wissen, ob es in der Umgebung des Atommülllagers Asse II mehr Leukämie-Fälle gibt als andernorts. Die Auswertung für die Samtgemeinde Asse kam zwei Jahre später, und zwar für den Zeitraum von 2002 bis 2009.

Demnach war die Häufigkeit neuer Krebsfälle insgesamt unauffällig, doch bei drei Arten von Krebserkrankungen lag die Zahl der Fälle deutlich über dem Durchschnitt: 47 neue Fälle von Leukämie, Schilddrüsenkrebs und Lymphom-Erkrankungen waren registriert – der statistische Mittelwert liegt bei nur 27 Fällen. Bei diesen drei Krebserkrankungen ist bekannt, dass sie auch durch radioaktive Strahlung ausgelöst werden können.

Landrat des Kreises Wolfenbüttel
Jörg Röhmann,

„Diese Zahlen haben uns damals sehr erschreckt“, sagt Röhmann. „Bei Leukämie wird in ländlichen Räumen pro Jahr eine einzige Neuerkrankung auf 10 000 Einwohner als statistisch normal angesehen. In der Samtgemeinde Asse liegen wir aber bei zwei Fällen.“

Auffällig war auch, dass die Zahl der Neuerkrankungen auf Kreisebene im statistischen Mittel liegt, nur die Samtgemeinde Asse hebt sich mit deutlich erhöhten Fallzahlen ab. Sofort drängte sich damals die Frage auf, ob diese Häufung mit dem nahen Atommülllager zu tun haben könnte.

Bürgermeisterin der Samtgemeinde Asse
Regina Bollmeier,

Die Daten des Krebsregisters lassen jedoch keine Rückschlüsse auf mögliche Ursachen für Krebshäufungen zu. Aus Datenschutzgründen liegen dort nur verschlüsselte und anonymisierte Angaben vor: Wohnort, Alter, Geschlecht und Art der Krebserkrankung. Eine Rückverfolgung zu den Betroffenen ist bislang nicht möglich. Außerdem sind dort keine Risikofaktoren erfasst. Um dennoch eine Erklärung für die Häufung der Krebsfälle zu finden, hat sich Ende 2010 auf Drängen des Kreises eine Expertenrunde gebildet.

Der Expertenkreis Asse

Zu der Runde gehören der Kreis Wolfenbüttel, das Landesgesundheitsministerium, das Umweltministerium, das Gesundheitsamt Wolfenbüttel, das Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter, das Krebsregister Niedersachsen und das Landesgesundheitsamt.

Die Befragung

„Es ging dann darum, Details über die Erkrankten zu erfahren“, erklärt Gesundheitsamtsleiterin Dorothea von Nicolai. Gibt es in den Familien Auffälligkeiten für Krebs? Sind die Betroffenen bei ihrer Arbeit besonderen Gefahren ausgesetzt? Wo wohnen sie?

Der Landkreis hat alle Betroffenen aufgerufen, sich zu melden; niedergelassene Ärzte wurden gebeten, ihre Patienten anzusprechen und zu einer Mitarbeit zu bewegen; Krankenhäuser sollten unter Wahrung des Datenschutzes Kontakt zu Angehörigen von verstorbenen Krebspatienten herstellen.

Gemeldet haben sich 152 Menschen – deutlich weniger als erhofft; für die Untersuchung waren letztlich nur 14 Betroffene relevant, die aus der Samtgemeinde Asse stammen und an einer der drei Krebsarten erkrankt sind. „Viele Menschen möchten einfach nicht über dieses Thema reden und haben sich deshalb nicht gemeldet“, mutmaßt Dorothea von Nicolai. Im Abschlussbericht heißt es deshalb: „Diese Zahlen reichen für aussagefähige Schlüsse nicht aus.“ Es sei kein Zusammenhang zwischen der Häufung der Fälle und einem bestimmten Wohn- und Arbeitsort nachweisbar.

Prüfung bei Asse-Mitarbeitern

Der Expertenkreis hat auch prüfen lassen, wie viele der in der Samtgemeinde an den drei Krebsarten erkrankten Menschen jemals im Atommülllager beschäftigt waren. Dafür wurden die Daten des Krebsregisters mit den Daten der 800 Mitarbeiter verglichen, die zwischen dem Beginn der Einlagerung atomarer Abfälle im Jahr 1967 und dem Jahr 2008 in der Asse tätig waren.

„Der Abgleich brachte einen einzigen Treffer“, sagt Röhmann. „Also nur einer der 47 Betroffenen war in der Schachtanlage beschäftigt. Dieses Ergebnis ist unauffällig. Selbstverständlich ist auch dieser eine Fall tragisch. Aber das Resultat zeigt: Die erhöhte Häufung in der Samtgemeinde kann nicht auf eine Tätigkeit in dem Atommülllager zurückgeführt werden.“

Mit der Strahlenbelastung in der Asse hat sich auch das Bundesamt für Strahlenschutz schon intensiv befasst. Anfang dieses Jahres war das Ergebnis der zweistufigen Untersuchung bekanntgegeben worden: „Die individuelle Strahlenbelastung durch die Tätigkeit in der Asse war zu gering, als dass nach dem Stand der Wissenschaft dadurch nachweisbare Krebserkrankungen ausgelöst werden konnten“, meldete das Bundesamt damals. Allerdings sei nicht auszuschließen, dass es bei Beschäftigten, die nicht an der individuellen Auswertung teilnehmen wollten, zu höheren, nicht dokumentierten Strahlenbelastungen gekommen sei.

Fazit

Röhmann und Samtgemeindebürgermeisterin Regina Bollmeier sind zwar einerseits beruhigt, dass laut der Untersuchung kein Zusammenhang zwischen der Arbeit im Atommülllager und den Erkrankungen in der Samtgemeinde besteht. Andererseits sind sie enttäuscht, dass nicht genügend Daten für eine aussagekräftige Analyse zur Verfügung standen.

„Die Daten des Krebsregisters haben uns überhaupt nicht geholfen“, kritisiert Bollmeier. Sie hofft aber auf Verbesserungen: Im Januar tritt das neue Krebsregister-Gesetz in Kraft. Es sieht für alle niedergelassenen Ärzte eine generelle Meldepflicht von Krebserkrankungen vor. Bislang gilt diese Pflicht nur für Pathologen; weil diese aber keine Patienten behandeln, sondern Gewebeproben untersuchen, fehlt der Kontakt zu den Betroffenen.

„Jeder Patient wird künftig gefragt, ob er bereit ist, mehr Informationen über seine Krankheit zu geben“, erklärt Gesundheitsamtsleiterin Dorothea von Nicolai. „Dadurch wird es leichter, die Faktoren einer Krebserkrankung und mögliche Ursachen zu erfassen, weil wir es dann nicht mehr nur mit anonymen Daten zu tun haben.“

Landrat Röhmann geht davon aus, dass aufgrund der Neuregelung vielleicht in zehn Jahren genauere Daten vorliegen und dann möglicherweise doch noch deutlich wird, ob es eine eindeutige Ursache für die Häufung der Krebsfälle in der Samtgemeinde Asse gibt.

Ob auch andere Samtgemeinden oder Gemeinden in Niedersachsen eine ähnlich erhöhte Häufung aufweisen, ist nach Auskunft des Niedersächsischen Gesundheitsministeriums nicht bekannt, da die Daten des Krebsregisters nur auf Kreisebene ausgewertet werden – lediglich in Ausnahmefällen wie bei der Asse werde eine detaillierte Aufschlüsselung vorgenommen.

Ministeriumssprecher Thomas Spieker sagte allerdings auf Anfrage: „Wir wissen, dass allein aus Gründen der üblichen Zufallsschwankungen in den Krebsraten derartige Häufungen in diversen niedersächsischen Gemeinden auftreten dürften.“ Bei einer kleinräumigen Analyse werde daher darauf geachtet, rein zufallsbedingte Erhöhungen in den Griff zu bekommen, um nicht unnötig viele „falsche Alarme“ zu einer regionalen Krebserhöhung zu melden.

Kritik an der Untersuchung

Die Grünen im Landtag sehen keinen Anlass für eine Entwarnung. „Die absolut dürftige Datenlage ist ein Teil des Asse-Skandals“, sagte der Fraktionsvorsitzende Stefan Wenzel. Dass die Expertengruppe nun von „keinen eindeutigen Hinweisen auf einen möglichen Verursacher“ spreche, zeige den Handlungsbedarf.

Auch die Linksfraktion ist skeptisch. „Landrat Röhmann hat darauf hingewiesen, dass die Aussagekraft dieser Daten stark eingeschränkt sei. Im selben Atemzug gibt er eine Entwarnung in Bezug auf die Gefahren durch freigesetzte Radioaktivität – das ist unseriös“, heißt es in einer Pressemitteilung des Vize-Fraktionsvorsitzenden Victor Perli. „Wir brauchen eine Beweislastumkehr: Die Asse-Betreiber müssen beweisen, dass die desolate Atommüllkippe nicht die Ursache der Erkrankungen ist.“

Auch der Bürgermeister von Remlingen in der Samtgemeinde Asse, Klaus-Günther Warnecke, ist skeptisch, welchen Schluss die Untersuchung aufgrund der unzureichenden Daten tatsächlich zulässt: „Der Bericht wirft viele Fragezeichen auf.“

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