Ein Quantum Demut

Ein Quantum Demut hat sich Peer Steinbrück für den Schluss aufgehoben. Gut hundert lange Minuten hat er schon seine weitschweifige Bewerbungsrede vorgetragen, jetzt kommt Steinbrück kurz vor Schluss doch noch auf seine umstrittenen Redner-Nebeneinkünfte zu sprechen. Die Vortragshonorare seien „Wackersteine“, die er der Partei auf die Schultern gelegt habe, verbeugt sich Steinbrück vor den Delegierten. Die Partei habe die Last ertragen, er sei dankbar für die Solidarität. „Das hat mich berührt, das werde ich nicht vergessen“, sagt Steinbrück leise.

Er habe aus alldem gelernt: Nicht alles, was rechtlich und moralisch nicht beanstandet werden könne, sei den Bürgern ohne Weiteres verständlich zu machen.

Das war es aber auch schon mit der Zerknirschung des selbstbewussten Kandidaten. Sein Kontostand als „wohlhabender Sozialdemokrat“ sage nichts aus über seine Fähigkeit, sich für Bürger einzusetzen, denen es schlechter gehe, versichert er.

Und schon beschwört Steinbrück den Regierungswechsel mit der „Wir-Partei“ und ihrem Kampf für soziale Gerechtigkeit, und die 600 Delegierten erheben sich dankbar von den Plätzen. Steinbrück reckt erleichtert die Faust, gut zehn Minuten lang applaudiert der Parteitag – mit Absicht deutlich länger als die CDU neulich Angela Merkel beklatscht hat.

Dafür verfehlt Steinbrück wenig später bei seiner Wahl zum Kanzlerkandidaten Merkels 98-Prozent-Ergebnis deutlich. 93,5 Prozent der Delegierten votieren für ihn, etwa das Ergebnis von Gerhard Schröder 1998, etwas weniger indes als Frank-Walter Steinmeier 2009 bekam.

Die Kür ist der Höhepunkt einer durchgeplanten Steinbrück-Show. Es ist alles auf den Kandidaten zugeschnitten in der Messehalle in Hannover. Er steht mitten in einer Art runden, rotleuchtenden Arena, das Rednerpult ragt wie ein Laufsteg in den Saal.

Zu seiner Unterstützung ist an prominenten Genossen aufgeboten, was die SPD-Familie hergibt: Der stets bejubelte Helmut Schmidt, der sich auf ein Stichwort Steinbrücks wieder mal cool eine Zigarette anzündet, Gerhard Schröder, Egon Bahr, Erhard Eppler. Ganz vorn sitzen auch seine drei Kinder mit Frau Gertrud, die diesen Auftritt in ihrer direkten Art schon vorab „als schwierige Situation“ beschrieben hat.

Es ist die wichtigste Rede seiner politischen Laufbahn, er hat es selbst so gesagt, eine Art Ruck-Rede nach dem Stolperstart.

Und tatsächlich, das Aufbruch-Gefühl kann Steinbrück vermitteln – er brennt zwar rhetorisch nicht durchweg ein Feuerwerk ab, ist anfangs nervös, dafür bedient er fleißig alle Erwartungen der Genossen. Steinbrück zeigt viel Nähe zur Partei, mit der er längere Zeit gefremdelt hat: Er verbeugt sich vor der Partei-Tradition, verpflichtet sich auf die SPD-Werte. Er zeigt auch mit persönlichen Schilderungen immer wieder: Ich bin einer von euch.

Und Steinbrück versucht, die Unterschiede zur Kanzlerin und der schwarz-gelben Koalition scharf herauszuarbeiten: Frauenquote statt Flexiquote, Mindestlohn statt Lohnuntergrenze, Kita-Ausbau statt Betreuungsgeld, Solidarrente statt Placebo-Politik.

Die Bundestagswahl müsse zur Auseinandersetzung über die Gesellschaftspolitik werden – mit einem klaren Bekenntnis zu Rot-Grün versucht er, das Gespenst der Großen Koalition zu vertreiben. Vor allem aber intoniert Steinbrück in vielen Variationen sein neues Thema – soziale Gerechtigkeit. Er klagt über Fliehkräfte in der Gesellschaft, die wachsende Kluft in der Vermögensverteilung, die Benachteiligung von Frauen und fordert: „Deutschland braucht wieder mehr Wir und weniger Ich.“

Die Rede bezieht die Anliegen der Parteilinken, deren Wunschkandidat Steinbrück nicht war, gezielt ein. Bisher hat sich der linke Flügel überraschend einmütig und loyal hinter den Kandidaten gestellt – besänftigt auch durch Zugeständnisse etwa beim Rentenkonzept. Wie lange der Frieden hält, ist ungewiss.

Linken-Vormann Ralf Stegner lobt artig die „Kanzlerrede“, hat im Vorfeld aber auch schon deutlich gemacht, dass die Linke einen Preis einfordert: Sie will in Steinbrücks Führungsmannschaft ausreichend vertreten sein.

Aber vorerst steht noch der große Schulterschluss auf dem Programm: Steinbrück gibt jetzt den Kümmerer, dem als Wirtschaftspolitiker auch soziale Gerechtigkeit ein Herzensanliegen ist.

Passend dazu hat sich die SPD für ihn einen Kümmerer-Wahlkampf ausgedacht: Fünf Millionen Hausbesuche wollen die Sozialdemokraten absolvieren, Gespräche an der Wohnungstür und – wenn möglich – im Wohnzimmer führen.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Captcha
    Weitere Artikel aus diesem Ressort