Was können Wahlkämpfer von Obama lernen?

Braunschweig. Es herrschte eine frühadventliche Stimmung hier im Saal. Die Landfrauen Braunschweig trafen sich jüngst zu ihrem Kreistag im Waldhaus Ölper. Messingkronleuchter erhellten den Saal. 250 Menschen saßen, plauderten, tranken Kaffee. Broschüren lagen aus. In einer steht der Satz „Soziale Netzwerke gibt es nicht nur im Internet“.

Der Stargast ging auf dieses Thema ein, als es zu dämmern begann. Julius van de Laar war nämlich von den Landfrauen zum „Festvortrag“ eingeladen worden. Der 30-jährige Politikberater lebt in Berlin. Dafür, dass auf seiner Visitenkarte „Politik und strategische Kommunikationsberatung“ steht, hat jedoch sein Einsatz in den USA gesorgt.

Als „Obamas deutscher Wahlkämpfer“ ist er tituliert worden, seit er auf der unteren Organisationsebene in der Vorbereitung auf die Präsidentschaftswahlen 2007/2008 für Obama arbeitete und dabei so erfolgreich war, dass man ihn in diesem Jahr gleich wieder über den Teich holte. Und zwar nicht irgendwohin. „Ohio ist einer der entscheidenden Staaten, wenn es darum geht, Präsident in den USA zu werden“, sagte van de Laar unserem Gespräch.

Beim ersten Mal hatte Obama keine Chance – und wurde dann doch zum ersten afroamerikanischen US-Präsidenten. Beim zweiten Mal gab es immer wieder Zeitpunkte, in denen Romney die Nase vorn hatte. Auch dieses Mal aber hatte die Kampagne Obama Erfolg. Entsprechend selbstsicher trat Julius van de Laar vor sein Publikum. Und er machte eine elegante Figur: Sein edler Zweiteiler in Dunkelblau, darunter ein hellblaues Hemd, blonder Seitenscheitel, ein Schwiegermuttertraum. Es sei ihm ein „riesiges Vergnügen“, ein paar amerikanische Pausen-Ähs schoben sich mitunter in die Rede. Ansonsten: pure Professionalität. Hochaufgelöste Bilder liefen über die Wand am Ende des Saales, sie zeigen einen optimistischen Obama, einen kraftlosen Obama zur Zeit des ersten TV-Duells 2012, einen siegreichen Obama.

Die Rede van de Laars zeigte die Mentalitätsunterschiede zwischen der US-amerikanischen und der deutschen Politik. So ging ein Raunen durch den Saal, als der Gast das Motto „Kill Romney“ der ersten großen TV-Kampagne des Wahlkampfes 2012 erläutert: „Ziel war es die Deutungshoheit bereits früh in der Kampagne zu gewinnen und Romney als eiskalten Kapitalisten und Jobkiller zu definieren.“ Ebenso martialisch mutet es hierzulande an, wenn van de Laar freimütig erzählte, wie die Obama-Kampagne bei der Firma Payback Adressdaten einkaufte. In den USA ist dies ein legales Manöver, potenzielle Wähler zu erreichen. Und bei uns? „Bundestagswahlkampf 2013 – Von Obama lernen?“, so lautete van de Laars Vortragstitel. Die wichtigste Botschaft: Die Geschichte vom „Twitter-Wahlkampf“ ist ein Märchen. Julius van de Laar betonte viel mehr, wie wichtig die Graswurzel-Bewegung für Obama im ersten und im zweiten Wahlkampf gewesen ist. Das meiste Geld wurde für die TV-Kampagnen ausgegeben, zur allgemeinen Image-Erzeugung. Und natürlich wurden die sozialen Netzwerke genutzt, vor allem um die Jüngeren, um die Erstwähler wieder zu „kriegen“. Doch um die relevanten Wähler in den entscheidenden Staaten für Obama zu gewinnen, sei vor allem das persönliche Gespräch an der Tür entscheidend gewesen. „Kurz vor der Wahl haben 18 000 Wahlhelfer noch einmal an 800 000 Türen in Ohio geklopft“, sagte er.

Das also war das Wichtigste? Nein, da fällt Julius van de Laar noch etwas ein. „Das Wichtigste war der Kandidat.“

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