„Die neue Technik ist so scharf, Sie sehen jedes Haar“

Braunschweig  Der Pionier des digitalen Fernsehens spricht vor der Ifa über Perspektiven der Unterhaltungs-Elektronik und Erfolgsaussichten von Google-TV

Ulrich Reimers gilt als ein Pionier des digitalen Fernsehens.

Ulrich Reimers gilt als ein Pionier des digitalen Fernsehens.

Alexandra Plewka: Was für Trends erwarten uns auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa)? Worauf liegt ein besonderes Augenmerk?

Die Ifa zeigt ein Produktsegment, das man gar nicht so sehr im Auge hat: die sogenannte „Weiße Ware“. Das sind die Haushaltsgeräte, die erst seit drei Jahren dabei sind. Und das ist total spannend. Wenn Sie mal sehen, wie viel Hightech mittlerweile in diesen Geräten drin steckt – atemberaubend.

Alexandra Plewka: Und was erwartet uns bei der Unterhaltungselektronik?

In diesem klassischen Segment der Funkausstellung wird es hingegen keine herausstechenden Neuerungen geben. Worauf ich mich freue, sind die ersten OLED-Fernseher mit 55 Zoll Bildschirm-Diagonale. OLED steht übrigens für organische Leuchtdioden. Und die Bildqualität von diesen OLEDs ist fabelhaft. Wann die allerdings zu kaufen sein werden, bleibt abzuwarten. Auch das Thema 3D wird wieder präsent sein, obwohl nicht so stark wie im vergangenen Jahr. Außerdem gibt es noch die Neueinführung des digitalen Radios DAB+. Dafür wird es auch einen eigenen Digitalradio-Tag geben. Dazu neue Smartphones und auch einen neuen Tablet-Computer, zum Beispiel Samsung. Aber nichts, wo ich sagen würde: Das habe ich noch nie gesehen.

Alexandra Plewka: Nochmal zum Thema 3D-Fernsehen. Warum, denken Sie, hat das bisher noch nicht den Durchbruch geschafft?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen bedeutet 3D im Fernsehen, dass Sie immer eine Brille benötigen. Es gibt zwar erste brillenlose Geräte, aber die bieten noch keine gute Qualität. Dann gibt es noch das Problem, dass wohl bis zu 40 Prozent der Bevölkerung mit 3D-Bildern Probleme haben. Sie führen bei ihnen zu körperlichem Unwohlsein, zum Beispiel Kopfschmerzen. Zudem gibt es im Fernsehen sehr wenig Programminhalte, die in 3D übertragen werden. Derzeit sind der öffentliche und private Rundfunk in Deutschland auch gar nicht an 3D interessiert. Lediglich das Pay-TV bietet derzeit 3D-Inhalte an. Aber auch da nur vereinzelt.

Vadim Kotelevskiy: Es gibt bereits Konzepte für ein neues hochauflösendes Fernsehformat, genannt 4K. Es soll etwa der vierfachen Auflösung bisheriger hochauflösender Standards wie HDTV entsprechen. Was halten Sie davon?

4K ist so, als würden sie vier HDTV-Bildschirme nebeneinander und weitere zwei darüber anordnen. Es gibt sogar 8K im Moment. Das habe ich auch schon mit eigenen Augen gesehen: Diese Geräte bieten eine atemberaubende Bildqualität. Ich habe eine Szene von einem Volkslauf in Peking gesehen, an dem zigtausend Läufer teilnahmen. Und von jedem einzelnen können sie praktisch die Barthaare sehen. So eine hohe Auflösung macht aber nur Sinn, wenn auch der Bildschirm sehr groß ist. Auf einem Laptop oder Fernseher bisheriger Größe ist 4K oder 8K nicht sinnvoll. Es gibt daher Überlegungen, in Zukunft für 4K Fernseher mit einer Bildschirmdiagonale von zum Beispiel
2,40 Meter anzubieten.

Alexandra Plewka: Stichwort Google-TV, das ja auch auf der Ifa in Berlin präsentiert werden soll. Hier wird versucht, Internet und Fernsehen miteinander zu verbinden. Allerdings hat sich die Einführung von Google-TV schon mehrmals verzögert. Warum?

Die erste Generation von Google-TV in den USA ist total gescheitert. Das Problem war unter anderem: Die Inhaber von Programmrechten akzeptierten die von Google angebotenen Konditionen nicht. Dazu kamen noch vielfältige technische Probleme.

Alexandra Plewka: Welche Chancen sehen Sie für einen neuen Anlauf von Google-TV in Deutschland?

Ich kenne bisher nur die Konzepte und Endgeräte, die Google in den USA auf den Markt gebracht hat. Alles schick. Meine Wahrnehmung ist jedoch: Das Angebot in Deutschland in der Form von Live-Fernsehen, den Mediatheken der öffentlich rechtlichen und privaten Sender sowie den Internet-Videotheken ist so vielfältig, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Google mit seinem Angebot hierzulande einen Stich machen kann.

Alexandra Plewka: Aber ist Google-TV nicht auch eine Chance, alle Medien zu bündeln?

Eine sehr spannende Frage. Es gibt seit vergangener Woche die neue ARD/ZDF-Online-Studie. Dort wird analysiert, wie wir Medien nutzen. Die hat ergeben, dass 76 Prozent der Menschen in Deutschland zumindest gelegentlich online sind. Die häufigste Nutzung sind Suchmaschinen und E-Mails, bei der jüngeren Generation außerdem soziale Netzwerke. Und viele nutzen Internet und Fernsehen parallel. Was die Nutzungsangewohnheiten angeht, ist es also nicht mehr Fernsehen oder Internet.

Kolja Hanses: Sie sehen also gar kein Potenzial, Fernsehen und Internetinhalte miteinander zu verbinden?

Es gibt einen Ansatz, der jetzt auch auf der Ifa präsentiert wird, der heißt „Hybrides Fernsehen“ oder „Smart TV“. Das bedeutet, dass Sie Fernsehgeräte kaufen, die auch internetfähig sind. Damit können Sie zusätzliche Angebote wie Hybrid Broadcast Broadband TV (HbbTV) nutzen, ein Informationsservice, der das Fernsehen um Internetinhalte ergänzt. Der verbreitet sich gerade in Deutschland und ich bin gespannt, wie groß die Zuschauerakzeptanz sein wird. Die Zahl der verkauften internetfähigen Fernseher zumindest ist gewaltig: Dieses Jahr sind es schon etwa 30 Prozent aller verkauften Fernseher.

Kolja Hanses: Nutzen auch alle den Internet-Service?

Wir wissen, dass etwa die Hälfte aller Menschen, die sich so ein Gerät kaufen, es auch ans Internet anschließt. Das kann über W-Lan oder Ethernet, also kabelgebundenes Internet, geschehen. Das funktioniert in der Praxis so, dass während des Fernsehprogramms ein roter Punkt erscheint, der auf weitere Informationen via HbbTV hinweist. Beim Drücken einer roten Taste auf der Fernbedienung erscheinen die Inhalte dann.

Kolja Hanses: Wird es dann auch die Möglichkeit geben, die Fernseher mit sozialen Netzwerken zu verbinden?

Ja. Aber bei der Interaktion mit Freunden muss man bedenken, dass die heutigen Fernbedienungen dafür nicht ideal sind. Es entstehen derzeit neue Geräte, mit denen Sie einerseits den Fernseher bedienen, andererseits auch Text eingeben können, etwa Internetadressen. Das geht schon per Smartphone oder Tablet.

Vadim Kotelevskiy: Stichwort IPTV, also Fernsehen und Filme über das Internet, was bereits heute von einigen Betreibern angeboten wird. Wird das in Zukunft der Standard sein?

Das sehe ich nicht. Zwar gibt es heute schon 1,8 Millionen Kunden, die zum Beispiel das Angebot „Entertain“ der Telekom nutzen. In Regionen, in denen das Internet nicht so schnell ist, wird zusätzlich ein Satelliten-Empfangsgerät hinzugeschaltet. IPTV ist also klassisches Fernsehen über den Internetanschluss. Der Haken dabei: Normalerweise kommt der DSL-Anschluss im Keller an, üblicherweise ist dort aber nicht das Fernsehgerät. Man muss also zusätzlich investieren, um das Signal irgendwie ins Fernsehzimmer zu bekommen. IPTV ist ein eigenständiges Geschäftsfeld und bei uns derzeit noch eine Nische. Ich bin der Überzeugung, dass es in Zukunft Geräte mit einem Internetanschluss und einem zusätzlichen Fernsehanschluss sowie einer integrierten Festplatte geben wird.

Vadim Kotelevskiy: Gibt es dafür schon konkrete Konzepte?

Ja. Das Institut für Nachrichtentechnik der TU Braunschweig wird eins auf der Ifa in Berlin präsentieren. Es heißt „Dynamic Broadcast“, also dynamischer Rundfunk. Das heißt, dass die Fernseh-Programme, die von vielen gesehen werden, von den Sendern direkt über den Fernsehanschluss geliefert werden. Programme, die schon mal gesendet wurden, sind hingegen bereits auf der Festplatte gespeichert. Der Programmanbieter kann dann ein Signal senden, damit diese zu einer bestimmten Zeit wieder abgespielt werden. Für die Ausstrahlung von Programmen, die nicht von vielen Menschen gesehen werden, kann dann das Internet genutzt werden. Der Zuschauer sieht keinen Unterschied zu dem heutigen Programm. Aber es werden Kosten für den Netzbetreiber und den Kunden reduziert.

Vadim Kotelevskiy: Wie sehen Sie unter diesem Aspekt denn die Zukunft des sich derzeit verbreitenden digitalen terrestrischen Fernsehens – also der Fernsehempfang über eine Haus- oder Zimmerantenne?

Das ist eine gute Frage. Das digitale terrestrische Fernsehen, also DVB-T, hat einen großen Vorteil im Vergleich zu Satellit und Kabel: Sie erreichen damit auch mobile Endgeräte. So gibt es mittlerweile etwa
1,2 Millionen Autos, die mit DVB-T-Empfängern ausgestattet sind. Ebenso gibt es fast 6 Millionen Laptops, die digitales Fernsehen empfangen können, dazu kommen noch viele andere mobile Geräte. Dazu gibt es derzeit keine Alternative, auch nicht die künftigen Mobilfunkstandards. Selbst wenn das digitale terrestrische Fernsehen nicht mehr weitergeführt werden sollte, bleibt die Frage, wie man mit einem Laptop oder anderen mobilen Geräten Fernsehen empfangen soll.

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