„95 Prozent aller Fußballspiele sind friedlich“

Braunschweig  Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei wendet sich im Leserinterview gegen Gewalt bei Fußballspielen und wünscht sich eine gesunde Fankultur.

Krawalle während eines Spiels zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Köln im Jahr 2011.

Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Krawalle während eines Spiels zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Köln im Jahr 2011. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Der niedersächsische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei war ins Pressehaus gekommen, um mit Lesern unserer Zeitung über die neue Aktion „Gemeinsam und fair!“ zu sprechen, die den Austausch zwischen Fans, Polizei, Vereinen und Spielern verstärken soll. Doch schließlich ging es um Gewalt bei Fußballspielen und um das Verhältnis von Polizei und Fan-Szene.

Dirk Schaper: Wenn es heißt „Gemeinsam und fair!“, wie definieren Sie dann faires Verhalten der Polizei gegenüber den Fans?

Unsere Aktion „Gemeinsam und fair!“ zielt darauf ab, den Austausch zwischen Fans, Polizei, Vereinen und Spielern zu verstärken.

Schaper: Bedeutet das auch, dass Polizeibeamte für den Fan identifizierbar wären?

Die GdP hat dazu eine ganz klare Position: Es muss ein individuelles Recht auch für Polizisten geben, nicht in jedem Einsatz namentlich erkennbar zu sein. Wir sind gegen eine namentliche Kennzeichnungspflicht. In einigen Ländern ist damit keine gute Erfahrung gemacht worden.

Ralf Dieter Meier: Erklären Sie doch bitte noch einmal die Aktion „Gemeinsam und fair!“.

Man muss sich mit den Tatsachen genauer auseinandersetzen. 95 Prozent aller Spiele sind friedlich. Das wird in der Öffentlichkeit nur nicht so wahrgenommen. Darüber haben wir uns, habe auch ich mich geärgert. Gemeinsam mit dem Norddeutschen Fußball-Verband und mit Unterstützung des Sportwissenschaftlers Professor Gunter Pilz aus Hannover arbeiten wir daran, die Probleme, die es ja nun mal leider gibt, zu minimieren. Alle müssen an einen Tisch und miteinander sprechen. Die Gespräche sollen bis in die unteren Ligen hinein geführt werden, denn die Probleme beginnen schon da. Wir wollen bewusst das Thema Gewalt nicht in den Mittelpunkt stellen, das schon einige Hardliner und andere Organisationen zur Genüge diskutieren.

Meier: Das finde ich gut, weil wir in Braunschweig schon die Zusammenarbeit von Polizei, Fans und Fan-Rat haben. Können Sie denn die bundesweiten, oft realitätsfernen Gewalt-Debatten zurückdrängen?

Das ist unser Anliegen. Wir arbeiten ja mit Professor Pilz zusammen und der mit der Deutschen Fußballliga und dem Deutschen Fußballbund. Auch wenn wir mit unserer Aktion einen anderen Ansatz gewählt haben, Gewalt gegen Polizeibeamte ist absolut nicht zu akzeptieren. Wir als GdP haben da auch eine Fürsorgepflicht für unsere circa 14 500 Mitglieder in Niedersachsen und die mehr als 170.000 im ganzen Bundesgebiet. Die GdP stellt sich so vor die Beamten, wie sich die Fanbeauftragten vor ihre Fans stellen.

Nils Burgdorf: Das ist schon richtig. Wir Fanbeauftragten stellen uns vor die Fans. Aber das fällt auch schwer, weil manche nicht mehr über die Kontroversen sprechen wollen. Es ist schwierig, Zugang zu finden. Wie kann die Polizei da einwirken?

Wir als GdP führen Gespräche mit den Ministerien und den Kollegen. Wir mischen uns aber nicht in die Einsatzlage ein. Die Verantwortung bleibt beim Einsatzleiter oder beim politisch Verantwortlichen. Die GdP ist dafür bekannt, dass wir natürlich auch die Gewaltprobleme ansprechen, aber wir machen das differenziert und sagen nicht, dass jeder Fan in Anführungszeichen ein Verbrecher ist. Wir sehen aber auch die Vereine in der Verantwortung. Will man unbedingt die Fans haben, die „A.C.A.B.“* auf dem T-Shirt stehen haben? Wir jedenfalls können diese Beleidigungen gegen unsere Kolleginnen und Kollegen nicht hinnehmen.

Burgdorf: Ich kann mir denken, dass das nicht angenehm ist. Aber das ist doch nicht Sache des Vereins.

Wieso? Es gibt doch ein Hausrecht.

Burgdorf: Der Verein kann das nicht verbieten. Der T-Shirt-Träger versteckt es bis zum Spiel und dann zeigt er es eben anschließend.

Selbst kleine Vereine stellen sich dazu Regeln auf. Man kann und darf also insbesondere die Profivereine nicht aus der Verantwortung lassen. Man muss Fairness wirklich wollen.

Burgdorf: Es muss nicht sein, aber es kann sein, dass es dann auf beiden Seiten Verletzte gibt. Jeder einzelne Beamte kann die Personalien der Fans aufnehmen. Die Fans können das nicht. Zu 99 Prozent erhält der Fan keine Angaben.

Aus Ihrer Sicht kann ich das Anliegen verstehen. Allerdings muss man sich jede Situation genau ansehen.

Meier: Wir führen in Braunschweig Dialoge auf Augenhöhe. Im Dialog werden Vorurteile schrittweise abgebaut. Ich verstehe nicht, weshalb die Polizei die Kennzeichnung von Beamten so strikt ablehnt. Ich habe oft als Zeuge ausgesagt und konnte immer nur sagen: dunkel gekleidet mit Helm. Uns würde schon ein Symbol mit Kennziffer reichen.

Unsere Mitglieder wollen das nicht. Es gibt Fälle, da sind Kollegen mit Foto, Namen und Adresse im Internet genannt und auch angegangen worden. Ich gehe davon aus, dass das niemand gutheißt. Man muss aber sehen, wie die jeweilige Politik damit umgeht. In Berlin gibt es die Kennzeichnung – jetzt ist sie schon wieder in Frage gestellt. In Brandenburg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wird noch diskutiert.

Meier: Fast 99 Prozent der Anzeigen von Fans verlaufen im Sand, weil die Beamten nicht zu identifizieren sind. Die Fans können sich nicht wehren.

Burgdorf: Die Fans können Wut und Enttäuschung nicht kanalisieren.

Darüber müssen wir unter Einbeziehung der Polizei noch einmal genauer reden.

Meier: Hier in Braunschweig haben wir ein gutes Verhältnis. Aber wir fahren auch zu Auswärtsspielen, und da hat man den Eindruck, egal, wohin wir fahren, dass man uns als Feind betrachtet. Fans bei Auswärtsspielen sind rechtlos. Wir sagen unseren Fans immer wieder: Seht die Polizei nicht als Feinde.

Schaper: Es muss bei der Polizei interne Rückkopplungen geben. Die gibt es aber wohl nicht. Unsere szenekundigen Beamten sind oftmals entsetzt, wie unsere Leute bei Auswärtsspielen behandelt werden. Fans bei Auswärtsspielen sind rechtlos.

Das ist mir zu pauschal argumentiert. Wir müssen da demnächst intensiver ins Gespräch kommen, das soll unsere Aktion mit bewirken.

Burgdorf: Die Fans werden uns bei der Aktion „Gemeinsam und fair!“ fragen, wo denn die Fairness liegt. Es wird ja nicht miteinander geredet. Ich habe das Gefühl, dass die Polizei manchmal überfordert ist.

Schaper: Aber es gibt ja doch Initiativen, wie die Spieltagsbewertung der Fanpresse, die den Dampf aus dem Kessel nehmen. Da wird dann der Einsatz der Polizei nicht nur kritisiert, sondern auch gelobt.

Genau.

Schaper: Das funktioniert in Braunschweig. Und in Hannover auch.

Für Hannover weiß ich es nicht. Aber wir haben bewusst das Thema Gewalt aus dem Aktionsmotto herausgenommen. Bei einigen Diskutanten hat man den Eindruck, dass sie noch nie mit einer selbstbezahlten Karte in den Fanblöcken gewesen sind. Wenn man wie ich selbst Fan ist, dann kann man, so denke ich, auch mitreden. Ich fahre zum Beispiel mit zu Union Berlin, um mir auch bei Auswärtsspielen ein eignes Bild zu machen.

Schaper: Berlin ist nicht ohne...

Aber hier in Braunschweig war es ganz gut. Es gab kaum Ausschreitungen, kaum Pyrotechnik. Die GdP und auch ich persönlich sind übrigens strikt gegen Pyrotechnik im Stadion – wegen der außerordentlich hohen Verletzungsgefahr. Es gibt doch auch super Choreos ohne Pyros.

Meier: Das sehen die Fans genau wie Sie. Kommen wir zurück zur neuen Aktion. Da muss schließlich auch Nachhaltigkeit einkehren, wenn man das machen will. Und es muss klar sein, dass nicht alle gesellschaftlichen Probleme zu lösen sind. Da kann nicht allein der Verein in die Pflicht genommen werden.

Soziale Fan-Projekte brauchen Manpower und finanzielle Mittel. Da bin ich auf Ihrer Seite. Fußball ist ein gesellschaftliches Phänomen. Aufgabe der Polizei wird es sein, die Zahl der Beamten langfristig zu senken.

Burgdorf: Es zeigt sich ja, dass das geht. Es gibt Zugreisen von Fans, ganz ohne Polizeibegleitung.

Meier: Schade, dass die Aktion nur landesweit läuft.

Das ist nicht richtig, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen machen da genauso mit. Allen Beteiligten ist klar, dass wir mit dieser Aktion sehr früh ansetzen müssen, dass man auch die kleinen Vereine finanziell und im Ehrenamt stärker unterstützen muss. Es geht uns doch allen in erster Linie um Prävention und um Minimierung von Gewalt bei gleichzeitiger Beibehaltung einer tollen Fankultur.

*A.C.A.B. ist die Abkürzung der englischsprachigen Parole „All Cops Are Bastards“ – Alle Polizisten sind Bastarde. Sie steht häufig auf T-Shirts von Autonomen, Skinheads, Hooligans, Ultras, Punks und Neonazis.

Dietmar Schilff

Der 50-jährige Polizeihauptkommissar ist seit 2011 Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Niedersachsen (GdP). Der gebürtige Braunschweiger ist verheiratet. Der Dauerkartenbesitzer ist seit zwei Jahren auch Mitglied von Eintracht Braunschweig.

Als am Freitag 2. Bundesliga und Regionalliga Nord in die Saison 2012/2013 starteten, begann gleichzeitig die Aktion „Gemeinsam und fair!“ von Norddeutschem Fußball-Verband und GdP. Die Aktion wendet sich gegen Gewalt rund um Fußballspiele.

Unsere Leser

Nils Burgdorf

Der 29-Jährige ist Sozialarbeiter und Fan-Beauftragter von Eintracht Braunschweig.

Ralf Dieter Meier

Der 50-jährige gehört als ein Verantwortlicher dem Fanprojekt Braunschweig des Awo-Kreisverbandes an.

Dirk Schaper

Der 45-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren Fan von Eintracht Braunschweig und bei vielen Auswärtsspielen dabei

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