„Der wichtigste Beruf ist heute der des Lehrers“

Braunschweig  Der neue Präsident der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) über Weinbau, Riesen und Zwerge, Forschung und die Zeit

Geboren 1956 in Edenkoben. Studium der Geophysik und Physik an der Universität Frankfurt, Habilitation im Fach Physik.

Geboren 1956 in Edenkoben. Studium der Geophysik und Physik an der Universität Frankfurt, Habilitation im Fach Physik.

Martina Flamme-Jasper: Wir reden heute alle davon, dass wir Kinder und Jugendliche möglichst früh an Naturwissenschaften und Technik heranführen wollen. Mich interessiert, wie früh Sie persönlich ein „kleiner Forscher“ waren.

Ich bin in einem Weinbaubetrieb aufgewachsen, da ist man in der täglichen praktischen Arbeit durchaus sehr früh zum „kleinen Erfinder“ geworden. Mein Vater war sehr innovativ und hat sich ständig überlegt, was er besser machen kann. Dabei hat er Werkzeuge selbst entwickelt. Das hat mich sehr beeinflusst, das habe ich sehr verinnerlicht.

Rudolf Fricke: Mit geht es um die Verbindung zwischen der PTB und den Schulen. Sie haben auf dem PTB-Gelände ja das Schülerprojekt Wissensforscher für Grundschulkinder. Könnten Sie sich vorstellen, es auch auf die Klassen 5 bis 10 auszuweiten?

Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Das Projekt ist sehr schön, es ist ein großer Erfolg. Es macht allen Beteiligten viel Spaß. Ich greife Ihre Idee gern auf. Wir sind da offen und können gern etwas tun. Die Altersgruppe, die Sie ansprechen, ist sehr wichtig.

Hans Sonnenberg: Ich habe Ihrem Lebenslauf entnommen, dass Sie selbst intensiv forschen und auch in der Lehre sehr aktiv sind. Was hat Sie denn nach Braunschweig gezogen?

Einer der wichtigsten Gründe war, dass ich neugierig war. Neugierig auf die Möglichkeit, eine große, bedeutende Behörde zu leiten, die sich aber selbst gar nicht als solche versteht, sondern als Forschungseinrichtung – mit bis zu 70 Prozent Forschungsanteil.

Neugierig auch darauf zu sehen, wie man auch einer solchen Behörde eine neue Richtung geben kann und wie man sie zukunftsfähig erhält. Das ist auch eine große Herausforderung.

Hans Sonnenberg: Aber jetzt müssen Sie sich in die Verwaltung knien, da können Sie nicht mehr so viel Wissenschaft ...

Nein, so dramatisch ist das gar nicht. Wir haben eine hervorragende Verwaltung, so eine Behörde hat auch große Vorteile. So eine gute Verwaltung habe ich auf meinen bisherigen Stationen, ehrlich gesagt, noch nie erlebt.

Auch im Präsidium sind viele Aufgaben hervorragend verteilt. Nach momentaner Aufgabenstellung bin ich für die Grundlagen der Metrologie zuständig. also für die Wissenschaft. Ich habe ausreichend Zeit, mich inhaltlich mit den Belangen der PTB auseinanderzusetzen – und da sehe ich auch meine Hauptaufgabe.

Unsere Aufgaben können wir nur dann erfüllen, wenn wir Forschung an vorderster Front betreiben.

Martina Flamme-Jasper: In unserer Region gibt es eine hohe Dichte an Forschungseinrichtungen. Werden Sie sich um die Pflege des Netzwerks Forschungsregion kümmern?

Sicherlich, das Netzwerk ist ganz besonders wichtig. So weit es mir zeitlich möglich ist, will ich alle Institutionen besuchen. Die Kooperation, der Austausch, das ist heute wichtiger denn je. Das ist mir ein besonders wichtiges Anliegen.

Martina Flamme-Jasper: Dann dürfen wir Sie auch in Wolfsburg begrüßen?

Ja, sehr gerne. Schon das Gebäude Ihres Phaeno fasziniert mich. Ebenso wie die Inhalte, ich kenne das aus meiner Zeit in Berkeley, als meine Kinder vom Exploratorium in San Francisco total begeistert waren.

Martina Flamme-Jasper: Es hat Pate gestanden für das Phaeno in Wolfsburg.

Das ist genau die richtige Art und Weise, Kinder heranzuführen. Man merkt, dass sie von sich aus zunächst einmal neugierig sind. Sie wollen verstehen! Irgendwann in der Schulzeit geht das leider oft verloren, ich weiß gar nicht genau, warum.

Rudolf Fricke: Die PTB beschäftigt sich aus meiner Sicht vorbildlichmit dem Thema Geschichte derWissenschaft. Wollen Sie dasfortführen oder sogar noch ausbauen?

Gerade in der Wissenschaft ist Geschichte absolut wichtig. Wir kennen ja den alten Spruch, dass wir auf den Schultern von Riesen stehen, Giganten. Ohne unsere Vorfahren wäre das, was wir machen, heute nicht möglich. Wir sind Zwerge auf ihren Schultern.

Das Verständnis für die Geschichte der Wissenschaft ist in der PTB weit ausgeprägt, deutlicher übrigens als in vielen anderen Institutionen. Das liegt auch daran, dass wir das erste metrologische Institut in dieser Größe weltweit waren, größer als in USA und Großbritannien, damit haben wir früh Standards gesetzt.

Übrigens auch mit der Erkenntnis, wie wichtig die Metrologie ist, um die Wirtschaft leistungs- und wettbewerbsfähig zu machen. Ich genieße die Bezüge zu den Pionieren und pflege und fördere sie auch. Allerdings – man sollte auch nicht rückwärtsgewandt sein. Das ist der ganz falsche Weg.

Hans Sonnenberg: Die PTB hat viele staatliche Aufgaben, zum Beispiel „macht“ sie die gesetzliche Zeit. Gibt es nicht aber auch viele Aufgaben, die von privaten Unternehmen erledigt werden können?

Ja, und deshalb schauen wir da nach dem Subsidiaritätsprinzip auch genau hin. Wir sind gehalten, darauf zu achten, ob Aufgaben nicht genau so gut oder sogar noch besser von der Industrie wahrgenommen werden können. Und dann geben wir sie auch ab.

Dennoch sind wir verantwortlich dafür. Das Einheiten- und Zeitgesetz schreibt uns vor, dass wir für die Weitergabe der Einheiten, für das einheitliche Messwesen in Deutschland verantwortlich sind. Also müssen wir auch akkreditierte Labors immer wieder überprüfen.

Und die Zeit, das ist ein Sonderfall, gewissermaßen der Pulsschlag unserer synchronisierten, globalisierten Welt. Die Zeit ist so wichtig, dass sie in staatlicher Hand sein muss. Da hat die PTB immer Standards gesetzt, von den ersten guten Quarzuhren bis zu den Atomuhren.

Martina Flamme-Jasper: Sie sind aus Süddeutschland in unsere Region gekommen. Wie kommen Sie mit der Mentalität hier zurecht, wie haben Sie sich eingelebt?

Bislang sehr gut! Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit empfinde ich als extrem positiv. Das sagt man ja oft auch den Süddeutschen nach. Ich kann hier keinen Unterschied feststellen. Persönlich richtig einleben konnte ich mich jedoch innerhalb eines halben Jahres sicherlich noch nicht. Aber mir fällt auf, dass man hier in Braunschweig durchaus sehr gut einkaufen kann.

Redaktion: Welchen Stellenwert hat für Sie das Schulfach Physik?

Es gibt in allen naturwissenschaftlichen Fächern zu wenig Lehrer. Das hat dramatisch abgenommen. Hier muss das Umfeld deutlich attraktiver gestaltet werden! Auch der Lehrerberuf allgemein muss aufgewertet werden, auch in der öffentlichen Darstellung.

Es ist ein extrem anstrengender Beruf, je mehr er heute die Familien entlasten und auch Aufgaben der Familie übernehmen muss.

Man muss es so sehen: Lehrer
ist doch eigentlich der wichtigste
Beruf, den wir heute überhaupt
haben. So, wie es Lehrern gelingt,
zu motivieren, so machen sie doch unsere Zukunft. Es ist existentiell, dass diese entscheidende Aufgabe in jeder Beziehung aufgewertet werden muss.

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