„Wir stürzen ab, wenn wir nicht zusammenhalten“

Braunschweig  Der Chef der Wolfsburg AG und Regions-Manager, Julius von Ingelheim, über die Notwendigkeit, unsere Region attraktiver zu machen

Julius von Ingelheim ist Sprecher des Vorstandes der Wolfsburg AG und Geschäftsführer der Projektregion Braunschweig.

Julius von Ingelheim ist Sprecher des Vorstandes der Wolfsburg AG und Geschäftsführer der Projektregion Braunschweig.

Martin Hansen: Wie würden Sie unsere Region beschreiben?

Die Region ist unterschiedlich stark aufgestellt. Wir haben die beiden Zugpferde Braunschweig und Wolfsburg, aber auch Salzgitter. Wir haben den wirtschaftlichen Vorhof Gifhorn, in dem viele Zulieferer angesiedelt sind. Wir haben ein breites Mittelfeld und wir haben im Süden den Harz, der landschaftlich fantastisch ist, wirtschaftlich aber einen ziemlichen Absturz erlebt hat.

Martin Hansen: Was macht die Region attraktiv, wo gibt es noch Potenzial?

Viele gute Arbeitgeber verschaffen uns ein hohes wirtschaftliches Ansehen. Da ist nicht nur VW. Jägermeister ist ein anderes Beispiel oder New Yorker. Sie ist außerordentlich vielfältig und sie hat eine historische Genetik, davon träumen andere Ecken Deutschlands. Zuletzt ist mir das bei den Schöninger Speeren klargeworden. Ich war erst ein wenig skeptisch, ob es gelingen kann, damit die Region touristisch nach vorn zu bringen. Bis mir ein angesehener Historiker vor Ort erzählte, was dort wirklich gefunden wurde: Die ältesten Jagdwaffen der Menschheit. Und da gibt es noch viele weitere Beispiele. Das muss man aber richtig kommunizieren und da hapert es manchmal noch.

Karl-Friedrich Weber: Wieso wird so viel Geld in die Hand genommen, um die Region zu einer Marke zu machen?

Wir haben hier eine sehr gute wirtschaftliche Basis. Den Menschen geht es eigentlich gut. Dennoch sagen uns manche Statistiker, dass die Region einen immensen demografischen Absturz erleben wird. Den gilt es, zu verhindern. Denn sollte dieser Effekt wirklich eintreten, hat das auch einen immensen Schaden für die Unternehmen und unsere ökonomischen Grundlagen zur Folge. Das dürfen wir nicht getrennt voneinander sehen. Aus diesem Grund haben sich die Bürgermeister, Landräte und Vertreter der Wirtschaft und Wissenschaft aus unserer Region zusammengetan und sich in ihrer Funktion als Aufsichtsräte der „Allianz für die Region“ ein gemeinsames Ziel gesetzt haben: bis zum Jahr 2020 diese Region zu einer Referenzregion für Arbeit und Lebensqualität zu machen. Das klingt sehr ambitioniert – und vielleicht auch etwas abgehoben – ist aber an konkreten Punkten festgemacht.

Karl-Friedrich Weber: Ich habe das Gefühl, es gibt eine Diskrepanz hinsichtlich der Interessen zwischen denjenigen, die entscheiden, und denjenigen, die vor Ort versuchen, die Attraktivität der Region hervorzuheben. Wie sehen Sie das?

Glücklicherweise treffen Sie hier Menschen, die für diese Region brennen und das motiviert auch mich immer wieder. Aber es gibt natürlich auch diejenigen, die zunächst einmal alles abwehren. Ich habe erst dadurch, dass es mich mehrmals über VW nach Wolfsburg verschlagen hat, verstanden, wie viel Arbeit im Aufbau von Attraktivität steckt. Als ich das erste Mal 1990 mit hohen Erwartungen von Ingolstadt nach Wolfsburg fuhr, wurde ich ziemlich enttäuscht: so hatte ich mir Wolfsburg nicht vorgestellt. Ich kam von Audi und landete bei der Konzernmutter und hatte trotzdem das Gefühl, das alles rangiert drei Nummern tiefer. Seitdem hat sich aber wahnsinnig viel verändert.

Auch dank Dr. Piëch, der der Stadt das Instrument der Wolfsburg AG geschenkt hat. Das Ziel war Halbierung der Arbeitslosigkeit, Attraktivierung der Stadt als Wohnort, Diversifizierung der Wirtschaft, um nicht ein Schicksal wie Detroit zu erleben. Und heute? Die Stadt hat 120 000 Einwohner, fast 120 000 Arbeitsplätze und mit Autostadt, Kunstmuseum, Phaeno und dem Allersee unglaublich an Attraktivität gewonnen. Und die Menschen sind stolz auf ihre Stadt. Das Beispiel zeigt, dass der Weg ein langer ist, aber sich lohnen kann.

Martin Hansen: Wie kann man diejenigen, die erwägen, hier hinzuziehen, für diese Region gewinnen?

Ich muss mich um die Inhalte kümmern und darum, die Diamanten und die Rohdiamanten, die diese Region besitzt, zu polieren. Ich denke da beispielsweise an das Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig oder das Kunstmuseum Wolfsburg. Und ich muss ein regionales Gefühl kreieren. Und das ist schwer, weil es keine eindeutige historische Einheit gibt. Es geht nicht darum, dem Kind einen Namen zu geben. Es geht um die Verortung. Wir müssen es auch schaffen, dass die Leute, die durch diese Region durchfahren, mal anhalten. Die Franzosen machen das sehr eindrucksvoll. Die haben Besucherzentren an den Autobahnen. Dort bieten sie unter anderem kulinarische Köstlichkeiten der jeweiligen Region an. Das bleibt im Gedächtnis. So etwas kann ich mir natürlich auch an der A 2 vorstellen.

Martin Hansen: Aber ist nicht auch ein Problem, dass die Menschen abseits der Städte Braunschweig und Wolfsburg das Gefühl haben, abgehängt zu werden?

Zum Teil gebe ich Ihnen Recht. Insbesondere, wenn man mit Jugendlichen über das Thema spricht, wird deutlich, dass es der Region daran mangelt, dass die Menschen, wenn Sie ohne Auto sind, nicht wissen, wie sie zu den Veranstaltungen in anderen Kommunen kommen. Da muss auf dem Feld des öffentlichen Nahverkehrs noch viel gemacht werden. Teilweise ist es dann aber auch so, dass die einzelnen Städte so viele eigene Veranstaltungen haben, dass die Menschen nicht die Notwendigkeit sehen, sich für andere Teile der Region zu interessieren. Das ist ein „Luxus“-Risiko.

Anja Kremling-Schulz: Wie wollen Sie denn verhindern, dass nicht so viel Kraft in die Abgrenzung gesteckt wird. Ich sehe das am Beispiel Helmstedt, wo wir uns beim Tourismus auf unser Alleinstellungsmerkmal als Stadt der Einheit konzentrieren. Wie soll dann Gemeinsamkeit entwickelt werden?

Wir haben uns da auch Vermarktungsmethoden aus den USA angeschaut. Am Beispiel der kleinen noch vor ein paar Jahren völlig unbekannten Stadt Springfield nahe Chicago, dem Geburtsort von Abraham Lincoln. Die haben das so gepuscht, dass heute jeder, der nach Chicago kommt, auch das Geburtshaus von Lincoln in Springfield besucht. Sogar Präsident Obama hat seinen Wahlkampf-Auftakt dort gemacht. Sie haben auf diese Weise den Turn-Around aus dem Mauerblümchen-Dasein geschafft. Das könnte beispielhaft für Helmstedt sein, weil die Stadt durch ihre historische Bedeutung und als ehemalige Grenzstadt Potenzial besitzt. Schlimmer ist doch oft, dass viele Menschen außerhalb unserer Region von den Gemeinden hier gar kein Bild im Kopf haben. Zwei Beispiele: Jägermeister kennt jeder, Wolfenbüttel nicht. Volkswagen kennt jeder, wo Wolfsburg liegt, ist nicht allen klar. Insbesondere die jungen Leute müssen wir erreichen. Und die wollen Geschichte nicht in irgendwelchen Glaskästen erleben, sondern modern aufbereitet.

Karl-Friedrich Weber: Wie bekommen wir die Stadt-Umland-Problematik in den Griff? Die Angst, dass andere einem etwas wegnehmen, dominiert doch weiterhin.

Ich vermute, Sie haben das über Jahre so wahrgenommen und wahrscheinlich liegen Sie rückblickend auch richtig. Aber das muss und wird sich ändern. Das Ganze (zeigt kreisförmig auf die Regionskarte, die Red.) soll ja gerade kein Nullsummen-Spiel sein. Wir wollen ja, dass hier mehr Menschen herkommen und mehr Menschen hier leben wollen. Und ich habe das Gefühl, dass in Wirtschaft, in der Wissenschaft, aber auch in der Politik das ständige Streben sich abzugrenzen, abnimmt. Die Kunst wird sein, das gemeinsame Gefühl für unsere Region zu entwickeln. Und ich sehe da Positives, weil auch die Politik gemerkt hat, wenn wir nicht zusammenhalten, stürzen wir gemeinsam ab.

Anja Kremling-Schulz: Wie können wir es schaffen, dass in dieser Region mehr junge Menschen nicht nur Nutzer sind, sondern auch selbst ihre Zukunft gestalten?

Es reicht nicht, sich über die Geschichte zu definieren. Unternehmensberater sagen uns immer wieder, dass wir eigentlich eine Unternehmer-Region sind. Wir sind eine Verkehrs-Kompetenzregion. Hier sind grundlegende Erfindungen auf dem Feld der Mobilität gemacht worden. Junge Menschen wollen auch damit „prahlen“ können, wo sie leben. Da könnte uns ein einheitliches Image helfen. Vor allem müssen wir die Menschen bei diesem notwendigen Veränderungsprozess mitnehmen und dürfen nicht darauf warten, dass sie auf uns zukommen.

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