Die harte Schule des Erzählens auf Arabiens Straßen

Braunschweig  Der syrisch-deutsche Erfolgsautor Rafik Schami im Gespräch mit Lesern über sein neues Kinderbuch und das Entstehen von Geschichten

Mit seinem Buch „Das Herz der Puppe“ war der syrisch-deutsche Exil-Autor R. Schami zu Gast bei der Buchhandlung Bücherwurm.

Foto: Jasper (5), privat

Mit seinem Buch „Das Herz der Puppe“ war der syrisch-deutsche Exil-Autor R. Schami zu Gast bei der Buchhandlung Bücherwurm. Foto: Jasper (5), privat

Anton Ullmann: Ist Ihr neues Kinderbuch „Das Herz der Puppe“ eher für Mädchen oder für Jungen?

Es ist ein Buch für alle. Ich unterscheide da nicht. Über das Mädchen kann diese eine Rolle besser erzählt werden. Aber es ist deshalb nicht speziell für Mädchen. Wenn ein Hund die Hauptrolle spielt, heißt es ja auch nicht, das Buch ist für Hunde. Ich mache ein Buch einfach in der Hoffnung, dass es den Kindern Spaß macht, und dass bei diesem Buch die Kinder den Eltern einige Dinge erklären.

Katrin Manz: Man findet darin viele Bezüge zu anderen fantastischen Titeln. Sie sprechen einmal Pinocchio direkt an, der etwas lädiert mit seiner Nase dort sitzt. Und wenn Nina sagt: ,Ich möchte nicht erwachsen werden’, erinnert das stark an Peter Pan. Inwieweit spielten diese Texte denn für Sie eine Rolle?

Eine große Rolle. Auch der „kleine Prinz“ spielt eine Rolle, der sich über Freundschaft äußert, über Tod und Leben. Diese Geschichten, die wir alle lesen oder gelesen haben, sitzen bei mir im Gedächtnis. Ich habe wunderbare Stunden mit ihnen verbracht, auch mit Don Quichote oder anderen. Sie sind wie eine Erinnerungsbrücke zu all dem, was alle Kinder der Welt lesen. Pinocchio ist ein Weltdarsteller für alle Kinder der Welt. Über diese Brücke kann ich etwas wiedererzählen über Wahrheit und Lüge, über Tod und Leben, über Freundschaft und Verrat. Diese Figuren ersparen mir viele Erklärungen. Ich muss nicht erklären, wer Pinocchio ist. Die Kinder kennen ihn sogar besser als wir.

Manz: Und die Eltern, die das vorlesen, ja auch!

Die auch! Deshalb hilft mir das, Erklärungen zu sparen. Man soll soviel Erklärungen sparen, wie man kann, wenn man für Kinder erzählt. Erklärungen sind langweilig.

Antonia Einert: Wussten Sie, als Sie mit diesem Buch angefangen haben, wie das Ende sein würde?

Nein. Das Buch hat eine besondere Geschichte. Ich habe Tagebuch geschrieben über meinen Sohn, bis er zehn Jahre alt wurde. Ich habe immer geschrieben, was er fragte. Er wollte zum Beispiel immer die Sterne sehen und hat mit dem Finger auf die Sterne gezeigt. Mitten im Winter! Ich musste mit ihm auf die Terrasse gehen. Ich zitterte, und er schaute die Sterne an. Und dann ist er friedlich eingeschlafen. Warum machen die Kinder das? Das hat mich beschäftigt. Ich habe das notiert – lose hintereinander, ohne zu wissen, was daraus wird, auch über andere Kinder. Und irgendwann habe ich das Heft in meinem Archiv wiederentdeckt. Und habe gedacht: Mensch, das ist ja schon fast eine dreiviertel Geschichte. Da brauche ich nur noch einen Erzählbogen.

Antonia Einert: Den haben Sie aber erfunden?

Ja, eine kluge Puppe. Und dann kommen diese Erlebnisse mit den Kindern hinein. Aber wie das ausgeht, wusste ich wirklich nicht.

Katrin Manz: Also, Sie setzen sich hin, haben das grobe Konzept in Form dieses Heftes, und dann legen Sie los. Und die vielen Binnen-Erzählungen, sind die Ihnen schon vorher im Kopf herumgespukt?

Nein nein. Sie kommen beim Schreiben. Manchmal scheint etwas am Anfang ganz wunderbar, scheint einen ganzen Roman zu ergeben – und es scheitert mittendrin und stirbt. Dann soll man nicht nervös werden, sondern es nehmen und in die Schublade legen. Und eines Tages kommst du und sagst, ach, ich habe jetzt keine Lust, irgendetwas zu machen, und dann schlägst du das Heft auf, und plötzlich bekommst du die Idee, wie diese Geschichte weiter geht. Man soll nie etwas wegschmeißen! Ich habe so eine kleine Schatzkiste im Computer. Das sind Geschichten, die ich geschrieben habe, ohne zu wissen, wofür. Manch eine nehme ich, wie ein Juwelier einen Edelstein nimmt für ein Collier, und baue sie ein. Manchmal passt es dann aber doch nicht. Dann nehme ich sie wieder raus. Aber in der Regel entwickelt sich die Geschichte beim Schreiben – und scheitert manchmal. Man soll nicht so tun, als ob bei jedem Ansatz ein Roman rauskommt. Die gescheiterten Geschichten sind mehr als die gelungenen.

Anton Ullmann: Hatten Sie früher auch eine Puppe? Oder ein Kuscheltier?

Nein, hatte ich nicht. In Arabien hatten die Kinder wenig Puppen. Beide Geschlechter. Das heißt: Heute haben sie Barbie und alles. Zu meiner Zeit hatten die Mädchen selbstgebastelte Puppen von den Omas. Aber nicht viele Ich hatte Murmeln. Ich hatte Kieselsteine, mit denen man ganz zauberhafte Spiele machen konnte. Ich hatte kleine dünne, sehr saubere, gefärbte Hühnerknochen, mit denen man das spielte, was in Japan Mikado heißt. Ich hatte ein Puzzle, das mir mein Großvater auf dem Flohmarkt gekauft hat. Das hatte nur fünf Steine statt sechs. Einer fehlte. Da habe ich immer versucht, in meiner Fantasie das Stück Landschaft zu ergänzen. Das hat mich fasziniert.

Manz: Mit welchen literarischen Texten sind Sie groß geworden? Wurde Ihnen viel erzählt, was wurde Ihnen erzählt?

Bei uns gab es wenig Bücher. Dafür wurde sehr viel erzählt. Bei uns zuhause erzählen die Leute die Geschichten frei. Wenn wir brav waren, setzte sich die Oma zu uns und hat Geschichten erzählt, oder die Mutter. Allerdings keine Gute-Nacht-Geschichten am Bett. Die Kinder wurden ja nicht ins Bett gebracht, sondern gescheucht. Die klebten ja bei den Erwachsenen und wollten Geschichten hören. Schlafzimmer war langweilig!

Da ich allerdings aus einer wohlhabenden Familie stamme und mein Vater Bücher liebte, hatte ich Pinocchio und Don Quichote sehr früh. Aber nicht viel mehr. Nur ein paar Jungendlichen-Bücher und ein paar billige Krimis. Die Bibliothek war dünn.

Katrin Manz: Aber es wurde erzählt!

Viel! Das Erzählen ist in Arabien ist eine sehr aktive Tradition. Man bleibt stehen, man hockt sich zusammen und erzählt. Wir hatten viel Zeit, die Straßen waren noch Spielstraßen ohne Autos. Der eine erzählt Witze, der andere Abenteuer, der dritte Lügengeschichten, der vierte seinen Traum – Erzählen ist tief verwurzelt in Arabien.

Katrin Manz: Wann haben Sie denn entdeckt, dass Sie erzählen, dass Sie schreiben möchten?

Schreiben kam später. Erzählen sehr früh. Ich war sehr krank als Kind. Ich konnte mit Fußball nicht angeben. Ich wollte gerne spielen, aber ich durfte nicht. Ich hatte Meningitis. Oft musste ich liegen. Und beim Liegen habe ich viele Geschichten erzählt bekommen zum Trost. Die habe ich behalten. Und wenn ich gesund war, wollte ich die Geschichten den anderen erzählen. Wenn Sie aber selber erzählen, kriegen Sie von allen Seiten Konkurrenz. Alle rufen: ,Ich kann das besser! Ich habe eine bessere Geschichte!’ Oder: ,Hör doch auf, Ist doch langweilig!’ Auch wenn es gar nicht langweilig ist – er will stören. Sie müssen kämpfen gegen Besserwisserei, um Ihre Geschichte zu retten. Zumal, wenn oben auf dem Balkon ein Mädchen steht und zuschaut, wer sich durchsetzt. Das schult einen Erzähler viel mehr, als wenn die Zuhörer artig dasitzen wie in Europa.

Manz: Die Schule der Straße.

Bestimmt. Und wenn man da besteht, dann ist Erzählen auf einer Bühne wirklich ein Eisschlecken.

Antonia Einert: Wie viele Bücher haben Sie geschrieben?

25 Bücher geschrieben – in 45 Jahren Arbeit. Also pro Jahr ein halbes Buch. Einige davon hatten einige Maler und Zeichner liebgewonnen und haben Bilderbücher daraus gemacht. So kommt man auf 37.

Anton Ullmann (angesichts des heftigen Regens vor dem Fenster): Spielt das Wetter auch eine Rolle beim Schreiben?

Oh ja. Im Sommer schreibe ich leichter. Weil ich mich da zuhause fühle. Im Winter korrigiere ich lieber.

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