Zoff am Affenfelsen

Braunschweig  „Britische Patrouillen-Boote störten spanische Fischer.“

Richard Kiessler

Richard Kiessler

Auf der Winston-Churchill-Avenue staut sich die Autoschlange. Die vierspurige Straße kreuzt das Flugfeld von Gibraltar, und die gerade startende Boeing der British Airways hat Vorfahrt.

Als wir die Main Street erreichen, gesäumt von Ramschläden, Alkoholshops und Fish & Chips-Buden, begrüßt uns ein Meer britischer Fahnen. Mit dem Union Jack aus ihren Fenstern stärken die 28 000 Bewohner des Affenfelsens an der Südspitze der iberischen Halbinsel aber nicht, wie man vermuten sollte, ihrer Elf in den Schlachten der Fußball-Europameisterschaft den Rücken. Sie huldigen ihrer Queen im fernen London zum diamantenen Kronjubiläum.

Im Spanischen Erbfolgekrieg haben sich die Briten 1704 den Kalksteinfelsen an der Meerenge zwischen Europa und Afrika unter den Nagel gerissen – und geben ihn seither nicht mehr her. Sehr zum Verdruss der Spanier, die dieses kolonialen Erbes wegen gerade wieder mit ihrem britischen EU- und Nato-Partner im heftigen Clinch liegen.

Vor zwei Wochen erst erregten die Auseinandersetzungen zwischen spanischen Fischern und britischen Patrouillenbooten die Gemüter. Die wühlten mit waghalsigen Manövern das Wasser auf und hinderten die von der Guardia Civil begleiteten Fischer, ihre Netze in der Bucht von Algeciras auszuwerfen.

Kronkolonie fordert Hoheitsrechte in Gewässern

Britanniens Kronkolonie Gibraltar hat nämlich das mit Spanien geschlossene Fischereiabkommen aufgekündigt und beansprucht ausgedehnte Hoheitsrechte in den Gewässern um den Affenfelsen, die Spanien unter Hinweis auf den Vertrag von Utrecht aus dem Jahre 1713 nicht anerkennt. Jetzt sollen sich die beiden Außenminister William Hague und Jose Manuel Garcia-Margallo als Streitschlichter versuchen…

Damit der spätkolonialen Possen nicht genug: Ihrem „Missfallen und Unbehagen“ ließ die konservative Regierung in Madrid freien Lauf, weil Prinz Edward, der jüngste Spross der diamantenen Königin, zum Thronjubiläum in Gibraltar die „Firma“ repräsentierte. So pflegt Prinz Philip, der 1958 ein einziges Mal mit Gattin Elisabeth den Felsen besuchte, das Haus Windsor zu bezeichnen.

Als Gibraltars Chefminister Fabian Picardo nächtens weithin sichtbare Porträts Elizabeth II. und des Union Jack an die Felswand projizieren ließ, sagte Spaniens Königin Sofia empört ihre Teilnahme an den Feierlichkeiten in London ab. Und ihr Gemahl Juan-Carlos besucht in dieser Woche als Geste der Solidarität demonstrativ die Fischer in Algeciras.

Zu Recht hat die amerikanische Historikern Barbara Tuchman in ihrer Studie „Die Torheit der Regierenden“ die Frage aufgeworfen, warum britische Regierungen unfähig waren, Kompromisse einzugehen, sondern auf Konfrontation setzten und darüber ihre Kolonien verloren. Doch trotzig verteidigt das (noch) Vereinigte Königreich die letzten (Fels)Brocken seines dahin geschwundenen Weltreiches.

Im Regierungssitz in Downing Street Nr. 10 in London wurde dieser Tage die Falkland-Flagge aufgezogen – zur Erinnerung an den Sieg im Krieg um die Inselchen im Südatlantik vor 30 Jahren.

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