Atom-Rivalen rüsten auf

Braunschweig  Richard Kiessler, außenpolitischer Korrespondent, zum geostrategischen Wettbewerb in der Pazifik-Region.

Richard Kiessler

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An einen puren Zufall glaube, wer will: Da sticht der russische Raketenkreuzer Warjag von Wladiwostok aus in See, begleitet von etlichen Kriegsschiffen der Pazifikflotte, um in dieser Woche zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder mit chinesischen Marineeinheiten ein gemeinsames Seemanöver im Gelben Meer zu beginnen.

Ebenfalls in dieser Woche üben amerikanische und vietnamesische Seestreitkräfte, unterstützt von japanischen, australischen und südkoreanischen Einheiten, in pazifischen Gewässern. Und in der Woche schoss Indien an seiner Ostküste von einer mobilen Startrampe auf der Wheeler-Insel vom Golf von Bengalen seine erste Interkontinentalrakete vom Typ Agni V mit einer Reichweite von mehr als 5000 Kilometern in den Orbit.

Die russisch-chinesischen Manöver „Zusammenarbeit auf See – 2012“ dienen wie die der Amerikaner und ihrer Verbündeten dem Kampf gegen Terror und Piraterie in einer gefährlichen Meeresregion – behaupten sie. Doch über den Anti-Terror-Kampf hinaus ist im Pazifik längst der geostrategische Wettbewerb etablierter und aufstrebender Großmächte im Gange. Es geht um Macht und Einfluss in einer zunehmend multipolaren Welt, aber natürlich um die reichen Bodenschätze, darunter Öl und Gas, in der pazifischen Region.

Das Wettrüsten macht die Welt nicht sicherer

Das prestigeträchtige Wettrüsten auf dem asiatischen Kontinent, der wie kein anderer das 21. Jahrhundert prägen wird, macht unsere Welt nicht sicherer. Denn die beiden Bevölkerungsriesen China und Indien rüsten beharrlich ihre Streitkräfte auf – und ihre nuklearen Kapazitäten, wie der erfolgreiche indische Raketentest zeigt.

China hat sein Rüstungsbudget um 17 Prozent auf 106 Milliarden Dollar aufgestockt, Indien ist zum weltweit größten Waffenimporteur geworden und verfügt über bis zu 80 nukleare Sprengköpfe. Damit ist Indien seinem Rivalen China noch weit unterlegen. Doch die Regierung in Neu Delhi hat die „nukleare Triade“ zum Programm erhoben : Neben landgestützten Raketen und Bombern soll Indien auch seegestützte Atommacht werden.

Scheinbar jovial hat Chinas Premier Wen Jiabao behauptet, in der Welt sei genug Platz für zwei aufsteigende Großmächte. Nur glaubt ihm das Neu Delhi niemand: Trotz der hemmenden Grenze des Himalaja fühlt sich Indien eingekreist. Vor allem der atomar gerüstete Erzfeind Pakistan im Westen, der gestern eine atomwaffenfähige Mittelstreckenrakete vom Typ Shaheen-1A getestet hat, aber auch das (noch) mit China verbündete Myanmar beleben die geopolitischen Ängste. Die Logik der Machtpolitik lässt deshalb Indien und die USA zusammenrücken, um den ausgreifendenden Einfluss Chinas einzudämmen.

Auch deshalb blieb – anders als beim missglückten Raketentest Nordkoreas – westliche Kritik aus, als Indien seine erste Landstreckenrakete erprobte. Die USA haben Indien den Zugang zur Atomtechnik geebnet, obgleich das Land dem Nichtverbreitungsvertrag nicht beitrat und somit keiner internationalen Kontrolle unterliegt. Nato-Generalsekretär Rasmussen: „Wir betrachten Indien nicht als Bedrohung für unsere Verbündeten.“ Na, dann.

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