Ozzy Osbourne wird in Wacken gefeiert

Die Crossover-Veteranen Suicidal Tendencies haben es schon schwerer

Wacken. Mächtige Stichflammen stoßen fauchend aus den Nüstern des riesigen weißen Stierschädels, der in schwindelnder Höhe zwischen den beiden gigantischen Bühnen des Wacken-Open-Air hängt. Ein Bericht vom größten Metal-Festival der Welt.

Zehntausende flackernder Augenpaare sind auf die „Black Stage“ gerichtet. „Yeeaaah you Fuckers“, schreit eine weinerliche und doch durchdringende Stimme. Jeder hier kennt sie. Tausendfaches Johlen ist die Antwort. Ozzy Osbourne, verschmiertes Make-up im Gesicht, die auffallend großen Hände mit den schwarz lackierten Nägeln abgespreizt, stolpert im charakteristischen Watschelgang auf die Bühne.

„Ich kann euch nicht hören“, brüllt er. Das Johlen schwillt zum Heulen. Ist Ozzy gänzlich taub? Nein, aber nach vierzig Jahren im Rock-Geschäft weiß der „Madman“, wie man eine Festival-Menge nehmen muss: im Sturm.

Ozzy Osbourne ballert aus allen Rohren

„Crazy Train“, „Mr. Crowly”, „Suicide Solution” – Ozzy ballert aus allen Rohren. Seine runderneuerte Flakhelfer-Truppe um den griechischen Gitarristen Gus G funktioniert, wie eine gut gedrillte Einheit funktionieren muss. Da kann sich der Chef die eine oder andere Feuerpause gönnen. Während „War Pigs“, einem der Hits seiner Ex-Band Black-Sabbath, verschwindet der Chef für eine gute Viertelstunde aufs Klo oder ein Nickerchen machen. Seine Band überbrückt die Zeit mit mehr oder minder inspiriertem Solo-Gegniedel.

Es stört die Wenigsten. Die meisten freuen sich, dass ihr Ozzy überhaupt noch lebt. Dass der sich keine Mühe gäbe, lässt sich auch nicht behaupten. Ozzy vergießt Herzblut, Schweiß und Schaum gleich kübelweise über der Menge. Und kann aus einem Fundus an Songs schöpfen, der seinesgleichen sucht. Ja, Ozzy gehört zum alten Eisen, aber auch rostiges Metall ist an diesem Donnerstag noch hart genug zum Schädelspalten.

Der von Mike Muir allerdings wird von einem tief über die Augen gezogenen Stirnband zusammengehalten. Es muss so sein, denn ohne den blauen Lappen um den Kopf hat den Sänger der Suicidal Tentencies, die freitagnachmittags auf der gleichen Bühne spielen, noch niemand gesehen.

Suicidal Tendencies gehörten zur Avantgarde der Crossover-Bewegung

Anfang der 90er Jahre gehörten Muir, genannt Psycho Miko, und seine Band aus dem kalifornischen Venice Beach zur Avantgarde der Crossover-Bewegung. Damals wurde es unter Skateboard-Fahrern schick, harte Musik zu hören, und plötzlich waren auch Metal-Heads auf vier Rollen unterwegs. Mit Platten wie „Lights, Camera, Revolution“ verhalfen Suicidal der potenten Kreuzung aus Punk, Funk und politischer Agitation zum Durchbruch.

Heute scheinen selbst Panzerglas durchschlagende Perlen wie „War Inside My Head“, „Join The Army“ oder „Pledge Your Alegiance” aber weitgehend in Vergessenheit geraten. Der verrückte Miko vollführt seine verwirbelten Tanz-Kapriolen vor lichten Reihen. Zumindest die lassen sich zu erratischen „Su-I-Ci-Dal“ Sprechchören hinreißen.

Zu Recht: In der Kombination von Po-Wackler und Nackenbrecher macht den „Suicidals“ so leicht keiner was vor. Und das obwohl Muir auch schon nachgelassen hat. Das Stirnband trägt er heute höher als früher.

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