Bittere Wahrheiten unter Tage

"Die Asse ist der Gau für die Endlagerdebatte" – Gabriel besucht das Versuchsendlager im Kreis Wolfenbüttel

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (links) und der Leiter des Forschungsbergwerks Asse II, Günther Kappei, gestern im Bergwerk.   

Foto: dpa

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (links) und der Leiter des Forschungsbergwerks Asse II, Günther Kappei, gestern im Bergwerk.    Foto: dpa

REMLINGEN. Da steht er nun tief unter Tage am Behälter mit der trüben, gefährlichen Lauge. "Augen zu und durch, wie vor 30 Jahren, das geht nicht mehr", sagt Sigmar Gabriel.

Es ist eine erst eine halbe Stunde her, da ist der Bundesumweltminister mit dem Föderkorb in die Tiefe gerauscht, 750 Meter, 10 Meter pro Sekunde.

"Da sind die Fässer", sagt Herbert Meyer, der Strahlenschutzexperte des ehemaligen Salzbergwerks und zeigt nach Norden. Seit April 1967 wurden in der Asse Fässer mit Atommüll eingelagert, "versuchsweise", wie es hieß.

Doch auf 574 Meter Tiefe dringen Laugen in das Bergwerk ein, Tag für Tag, Kubikmeter um Kubikmeter. Auch der Betreiber GSF, das Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, ist alarmiert. "Der Laugenzufluss ist ein Risiko, Teile des Bergwerks lösen sich auf", sagt GSF-Mann Heinz Haury.

Anwohner und Atomkraftgegner fürchten den Einsturz der Anlage. Sie fürchten, dass die Laugen rostige Fässer zerfressen, dass Radioaktivität frei wird. Sie fragen, ob man den Müll nicht besser woanders sicherer einschließt. Die Asse liegt in Gabriels Wahlkreis, doch zuständig ist bislang die Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU). Es ging ja offiziell immer nur um Forschung. "Der Laugenzutritt ist hier", sagt Asse-II-Leiter Günther Kappei. Er steht mit Gabriel in einem der langen, breiten Stollen vor einer Schautafel. Wie viele Jahre, bis die Lauge in der Lagerkammer ist, fragt Gabriel? Eine Maschine wummert, "tausende Jahre" dringt als Gesprächsfetzen zum Begleittross. Eine Station weiter geht es um das Schutzfluid, mit dem das Bergwerk stabilisiert werden soll. Gabriel fragt nach. Er war schon als 17-jähriger Schüler in der Asse und fragte damals schon: warum Versuchsendlager, wo doch alles drin bleibt? Und warum in der Asse, wo doch Nachbarschächte schon abgesoffen waren? Der riesige Sammelbehälter mit der Lauge wirkt fast wie ein Offenbarungseid. Auch Irmela Wrede steht bei Gabriel, die Anwohnerin, die per Klage die Anwendung des Atomrechtes durchsetzen will.

Gabriel beruhigt. Alle Möglichkeiten würden geprüft, sein Haus sei mit im Boot, versichert er. Zeit für langwierige politische Händel bleibe nicht. Jetzt müsse das Gericht entscheiden.

Obwohl es ja eigentlich nicht zu vermitteln sei, dass für eine Frage des Strahlenschutzes nicht sein Ministerium und das ihm untergeordnete Bundesamt für Strahlenschutz zuständig seien. Für das Atomrecht spreche viel, lässt Gabriel Sympathie für die Klage Wredes durchblicken.

Es gibt auch Lob für den Betreiber GSF. Der tue viel, sagt Gabriel. Doch der für die Endlagerung von Atommüll verantwortliche Minister sagt auch dies: "Die Asse ist der Gau für die Endlagerdebatte." Bislang beharren Bundesforschungsministerium und Landesumweltministerium auf dem Schließen nach Bergrecht. Doch die Klage läuft.

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