Von Affen als Nachbarn und einem anderen Schulsystem
Wolfenbüttel Patricia Hosang ist 16 Jahre alt und für ein Jahr als Austauschschülerin in Joinville, Brasilien. Sie berichtet regelmäßig von ihren Erlebnissen dort.
„Seit acht Wochen lebe ich in Joinville, Santa Catarina, Brasilien. Nach einem anstrengendem 21-stündigen Flug war ich froh, endlich angekommen zu sein und meine Gastfamilie persönlich kennen zu lernen. Das Haus, in dem ich wohne, liegt auf einem Berg direkt am Wald. Es liegt in einem Condominío, einem eingegrenzten Wohnviertel mit Security, Gemeinschaftshaus und -pool sowie einem kleinen See in der Mitte.
Direkt am ersten Tag lernte ich meine neuen „Nachbarn“ kennen: freilebende Wasserschweine und kleine Affen. Die kann man von meinem Grundstück aus sehen und hören, weil nur ein Zaun dazwischen ist.
Die Schule die ich besuche, Bom Jesus Ielusc, ist eine Privatschule im Stadtzentrum. Meine Gastgeschwister Rodrigo(14) und Isabella (10) gehen zwar auf die gleiche Schule, sind jedoch in einem anderen Gebäude außerhalb der Innenstadt.
Die brasilianische Schule ist anders als das Gymnasium im Schloss. Unterricht von 7.15 bis 12.30 Uhr, kein Blockunterricht, Eingang nur durch ein abgesichertes Tor mit Security, zweimal die Woche Tests, keine mündlichen Noten, wenig selbstständige Arbeit im Unterricht, nur eine Fremdsprache, Schuluniform ist Pflicht.
Wenn man zu spät zum Unterricht kommt, und seien es nur wenige Minuten, kann man nicht mehr an dem Unterricht teilnehmen und muss die Stunde lang in einem separaten Raum warten, bis die nächste Stunde beginnt. Nach der Schule müssen die meisten sehr viel lernen oder sind mit Aktivitäten wie Sport, einer Fremdsprache, dem Erlernen eines Musikinstrumentes so sehr beschäftigt, dass Langeweile für die meisten Brasilianer ein Fremdwort ist.
Freunde trifft man größtenteils nur am Wochenende. In meinen ersten Wochen habe ich viele Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede zwischen Deutschland und Brasilien kennen gelernt: Wasser kann man nur durch einen so genannten Filtro trinken, die Straßen sind weder sicher, noch existieren viele Fahrradwege, wegen der Angst vor Kriminalität gibt es sehr viel Security, und es gibt in meiner Gastfamilie jeden Tag Reis, Bohnen und Fleisch. Außerdem ist es üblich, überall mit dem Auto hin zu fahren. Zu Fuß zu gehen beansprucht meist zu viel Zeit, und Fahrrad fährt man nur, wenn man Sport machen will.
Obwohl die Stadt von Deutschen und Schweizern gegründet wurde, sprechen die wenigsten Menschen hier Deutsch. Ich kam inmitten des Wahlkampfes der neuen Bürgermeister und Vertreter Brasiliens an, wobei es immer noch jeden Abend für die eigene Stadt eine einstündige Vorstellung aller Kandidaten gibt. Außerdem sind die Straßen mit Plakaten und Autos voll, die durch große Lautsprecher die jeweiligen Wahlsprüche abspielen.
Bisher habe ich viele Familienfeiern, Ausflüge nach Florianópolis und Blumenau, Fußballspiele, Ausflug zu einem Freizeitpark, Meer, brasilianischer Zoo und vieles mehr erlebt.“

