Vom ständigen Kampf gegen Selbstzweifel
Wolfenbüttel Wann genau die Seelenqualen anfingen, kann Andreas M. (Name von Red. geändert) nicht mehr sagen. „Irgendwann nach der Schule“, glaubt der 35-Jährige
Nach und nach habe er sich aus seinem sozialen Umfeld zurückgezogen. Während die Freunde weniger wurden, wuchsen die Selbstvorwürfe. Und eh er sich’s versah, war Andreas M. deutlich übergewichtig.
Nach einer dreiwöchigen psychosomatischen Kur und einer Therapie weiß er inzwischen: „Mein Übergewicht ist ein Symptom für meine Probleme, die ich mit mir selbst habe – und umgekehrt.“ Doch mit dieser Einsicht ist es lange nicht getan. Es sei lediglich ein erster Schritt.
„Die Vorwürfe, dem Ideal von jung, schön und erfolgreich nicht zu entsprechen, bleiben.“ Eine typische Begleiterscheinung seien Depressionen. „Mein Gefühlsleben ist auf der Null-Linie, ich verziehe mich in meine Wohnung und ich verwahrlose teilweise schon.“
Trotz all dieser Erkenntnisse fällt es dem Mann, der inzwischen sein Studium abgeschlossen hat und auf Arbeitssuche ist, schwer, den Teufelskreis zu durchbrechen. Dabei steige immer wieder Panik in ihm hoch, in zehn Jahren in einem Sozialbau Hartz IV zu empfangen und von Dosen-Ravioli zu leben. Seine Wünsche sind andere: einen vernünftigen Job finden, eine Freundin haben und 30 Kilogramm abnehmen. „Und das Ganze möglichst schon vorgestern.“
Stattdessen neige er eher zu Selbstvorwürfen. „Und Erfolge erkennt eher mein Umfeld an als ich selbst.“ 15 Kilogramm weniger auf die Waage zu bringen, lassen die Selbstzweifel eben noch lange nicht verstummen. Andererseits weiß der 35-Jährige auch: „Selbst wenn ich plötzlich schlank wäre, wären meine Probleme nicht verschwunden.“
Hilfe und Ansporn verspricht sich Andreas M. von einer neuen Selbsthilfegruppe, die er „Gewicht auf der Seele“ nennen will. Mit Hilfe von Christine Freywald von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe des Paritätischen soll diese nun am Donnerstag, 8. November, ab 17.30 Uhr ihr erstes Treffen in der Kommisse an der Kommiss-Straße haben.
Willkommen sind nicht nur Menschen, die an Fettleibigkeit leiden, sondern ausdrücklich auch jene mit anderen Ess-Störungen. „Vor allem Angehörige von Betroffenen fragen häufig bei uns nach“, erklärt Christine Freywald. Die Berührungsängste seien groß. Oft werde auch der Zusammenhang zwischen Übergewicht und psychischen Problemen gar nicht hergestellt.
Andreas M. formuliert es so: „Ich fühle mich häufig wie ein großer Stein, der irgendwo nutzlos rumliegt.“ Von der Gruppendynamik erwartet er in erster Linie Hilfe, mit sich selbst klarzukommen. „Sie ist aber“, so betont er, „kein Therapieersatz.“


