Neunter Castor-Transport nach 60 Stunden am Ziel angekommen
Gorleben (lni) - Der neunte Castor-Transport mit Atommüll hat trotz des Protestes hunderter Kernkraftgegner weitgehend unbehindert das Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben erreicht. Nach rund 60 Stunden Fahrt durch Frankreich und Deutschland trafen die zwölf Behälter mit den Überresten abgebrannter Brennelemente aus Atomkraftwerken am Dienstagmorgen um 5.55 Uhr im Zwischenlager ein. Bis zuletzt hatten Demonstranten mit Blockaden auf den Straßen versucht, den Transport aufzuhalten.
Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) kündigte an, er wolle erreichen, dass im kommenden Jahr wegen der hohen Belastung der Polizei durch die Fußball-WM kein Castor-Transport rollt. „Wir könnten dadurch an die Grenzen unserer Kapazität kommen.“ Dafür sollten bereits von 2007 an pro Transport 18 statt derzeit 12 Behälter angeliefert werden. Von 2008 an sei dies ohnehin erforderlich.
Schünemann zog eine positive Bilanz des Polizeieinsatzes. „Die Polizeibeamten haben ihren Auftrag hoch motiviert und hoch professionell erfüllt.“ Durch ihre exzellente Arbeit sei der Transport „in einer sehr guten Zeit ins Zwischenlager gekommen“. Die Stimmung unter den Demonstranten sei aber aggressiver als im Vorjahr gewesen. So habe sich die Zahl gewaltbereiter Autonomer von 200 auf 400 erhöht. Gesamteinsatzleiter Friedrich Niehörster sagte: „Der Protest hat quantitativ leicht nachgelassen, in der Aggression aber zugenommen.“
Die Atomkraftgegner zeigten sich ebenfalls mit ihren Aktionen zufrieden. So hätten zwei Blockaden in der letzten Nacht den Transport um rund elf Stunden verzögert, sagte Susanne Kamien von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. Jochen Stay von der Anti-Atom-Initiative X-tausendmal quer sprach von einem „deutlichen Signal“ an die neue Bundesregierung: „Wenn sie einfach so weitermacht, weiter Atommüll produziert, wird es hier weiter Widerstand geben.“
Nach Polizeiangaben waren bundesweit fast 16 000 Polizeibeamte im Einsatz. Allein der Straßentransport am frühen Dienstagmorgen von Dannenberg nach Gorleben wurde von rund 9500 Beamten geschützt. Im Wendland demonstrierten insgesamt rund 4000 Menschen. Nach Angaben von Gesamteinsatzleiter Niehörster wurden 5 Beamte im Einsatz verletzt. Die Atomkraftgegner sprachen von 14 Verletzten in ihren Reihen.
69 Demonstranten wurden in Gewahrsam genommen. Die Atomkraftgegner kritisierten, dass keine einzige dieser Maßnahme gerichtlich bestätigt worden sei. Den Angaben zufolge gab es 8 Festnahmen. Es wurden 870 Platzverweise ausgesprochen und 103 Strafverfahren eingeleitet. Der Transport kostet laut Schünemann rund 20 Millionen Euro.
Unmittelbar vor dem Beginn des Straßentransportes machte der Polizei in der
Nacht zum Dienstag vor allem eine Blockade mit einem Traktor zu schaffen, an dem
ein schwerer Zementblock befestigt war. An dem Fahrzeug und dem Block hatten
sich elf Demonstranten so festgekettet, dass beides nicht weggerollt werden
konnte. In stundenlangen Arbeiten brachten die Beamten eine Art Schlitten auf
Rädern unter dem Traktor an und schoben ihn dann darauf zur Seite.
Innenminister Schünemann sprach sich nach dem Transport dafür aus, zügig die
Endlagerfrage zu beantworten. „Auch Gorleben muss weiter geprüft werden. Dies
ist aber keine Vorentscheidung.“ Der Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz
Lüchow-Dannenberg, Francis Althoff, forderte eine alternative Endlagersuche.
„Gorleben ist als Atommülllager gestorben“, sagte er.
Der Castor-Transport war am vergangenen Samstag in der französischen Wideraufarbeitungsanlage La Hague gestartet. Im Zwischenlager Gorleben stehen jetzt 68 Castor-Behälter.