Freiluft-"Turandot" begeisterte
Bei sommerlichen Temperaturen hatte am Samstagabend in der Arena auf dem Braunschweiger Burgplatz Giacomo Puccinis Oper "Turandot" als Freiluftproduktion des Staatstheaters Braunschweig Premiere. Regisseur Robert Lehmeier siedelt die Märchenhandlung in einer stilisierten modernen Diktatur an. Das Publikum war begeistert.
Parteitag auf dem Braunschweiger Burgplatz. Unter dem Konterfei eines Mao ähnlichen Machthabers versammeln sich uniform gestylte Asiaten um Konferenztische. Schwarze Haare, Brille, graue Anzüge – das Volk ist eine Masse Gleichgeschalteter. Es gibt keine Individuen, aber immerhin Parteiungen, die sich tischweise erheben und setzen im Wortstreit der Chöre. Es ist die Premiere der "Turandot"-Aufführungen des Staatstheaters Braunschweig.
Tom Muschs Bühnenbild für die „Turandot“-Aufführungen des Staatstheaters Braunschweig ist von suggestiver ästhetischer Geschlossenheit. Der rot ausgeschlagene Boden lässt an das kommunistische China denken, doch ist die Ausstattung so weit stilisiert, dass sie für jegliche totalitäre Regime am Ende ihrer Macht gelten darf. Der alte Kaiser fällt in Robert Lehmeiers Inszenierung sogar allzu gütig aus. Das Schwert der Macht schwingt seine Tochter Turandot. Eben erst hat sie einen siegesgewissen, aber scheiternden Prinzen der Masse zur Vollstreckung überlassen. Die Grauen drängen ihn aus der Burgplatz-Arena, sein Todesschrei klingt furchtbar aus dem Off.
Doch schon hat sich ein neuer Kandidat ins Rund geschlichen. Kein selbstverliebter Geck wie der Vorgänger, sondern ein gewiefter Machtpolitiker. Besonders nach der Pause macht Lehmeier seine plausible Auffassung bildkräftig, dass hier kein verliebter Tor, sondern ein künftiger Diktator die Herausforderung sucht. Clever genug, die Rätsel der Prinzessin Turandot zu lösen, ist er allemal - und wäre so berechtigt, die Herrschaft über sie und ihr Land anzutreten. Doch er will sie auch in ihrer Persönlichkeit brechen, dreht den Spieß um und lässt sie selber ein Rätsel raten: Wer er sei, kann sie nicht herausbringen, und die beiden führen ihr Duett mit Faustschlägen auf dem Verhandlungstisch wie bei Koalitionsgesprächen feindlicher Mächte.
Ein Happy End gibt es in dieser Inszenierung nicht
Gekämpft wird auch mit erotischen Mitteln. Als er sie auf den Tisch streckt, versagt er jedoch, sie kann ihn auslachen. Doch wer zuletzt lacht, ist er, Calaf, der fremde Prinz. Scheinbar hat er ihr mit seinem Namen auch den Sieg gegeben, doch ist er mit dieser Finte schon entschwunden und lässt sie unsicher zurück. Wenn er ihre errungene Hand verschmäht, wäre das die größte Demütigung für Turandot. Der Schlusshymnus gilt hier nicht wie sonst der gemeinsamen Liebe, sondern Calafs Coup: Mit dem Schwenkkran demontiert er das Kaiserporträt und steht nun selbst an seiner Statt.
Ein Happyend ist das nicht, denn Turandot ist entmachtet, ihre Befürchtungen waren also berechtigt, die zu den Rätseln mit Todesstrafe geführt hatten. Gerettet hat sie das nicht, das ist das Los der Diktatoren. Mit Calaf bricht nun aber auch nicht der chinesische Frühling an. Er ist als Machthaber zunächst mal einfach fotogener. Das Volk bleibt graue Masse. Wo ihre wahren menschlichen Bedürfnisse liegen, zeigt der Regisseur auch, als sie sich bei Lius ergreifendem Lied aufopferungsvoller Liebe selbst zu streicheln beginnen. Eine politische Bewegung wird daraus aber eben nicht.
Lehmeiers schlüssig geführte Interpretation wird auch durch eine formalisierte Gestik begleitet. Umso peinlicher wirken die völlig überflüssigen Tanzpantomimen.
In den Parteitagshymnen entfalten sich die Chöre prachtvoll
Die Sänger dagegen stützen das Konzept stilsicher. Hervorragend verkörpert Irina Rindzuner in Liz-Taylor-Optik die unnahbare Machtpolitikerin. Ihr schön dunkel gefüllter, zu mühelosen Höhen sich aufschwingender Sopran packt mit sinnlichem Schillern und Durchschlagskraft. Grandios. Arthur Shen steigert das berühmte „Nessun dorma“ (Keiner schlafe) mit großer Strahlkraft, sein zuweilen allerdings forcierter Tenor hat Schmelz und Charakter, spielerisch gibt er hinreißend den chinesischen Paten im Satinanzug. Als ihm ergebene Jugendfreundin Liu appelliert Jung Nan Yoon mit lyrischem, nicht durchweg weichem Sopran erfolgreich an die zarteren Gefühle. Malte Roesner, Tobias Haaks und Steffen Doberauer harmonieren als Minister-Trio stimmlich glänzend. Selcuk Hakan Tirasoglu ergänzt angemessen als Calafs Vater, Anatoli Golev wenig charismatisch als Kaiser. Prachtvoll dürfen sich die Chöre in den Parteitagshymnen entfalten. Das Staatsorchester klingt dazu anfangs etwas gedämpft, vielleicht musste da die Aufnahmetechnik noch nachjustieren, denn nachher ist doch das ganze Spektrum mit den hell schmetternden Tönen da. Alexander Joel gibt Puccinis etwas pasticciohafter Partitur mit ihren Ausflügen in Broadway-Stimmung und Tempel-Folklore ihre ganze weite Farbigkeit und Emotion, bruchlos, satt und hochdynamisch.
So herrscht dann am Ende dieses zudem vom Wetter sommerlich warm verwöhnten Opernabends allgemeine Begeisterung in der Burgplatz-Arena. Füßetrappeln, Bravos, eine sehenswerte Produktion.
Weitere Aufführungen: 21.-23., 25.-28., 30., 31. August, 1.-3. und 5.September, je 19.30 Uhr. Karten: (0531) 1234567.
