Sven Ulf Weilharter – Der Tierretter
Wolfsburg Im Rentenalter wollte er sich für den Tierschutz engagieren – es ist nicht das einzige Ziel, das der gebürtige Österreicher erreicht hat.
Im Wohnzimmer von Sven Ulf Weilharter steht eine Pfauenskulptur in der Vitrine. „Die ist von der Künstlerin Sina Heffner“, sagt Weilharter stolz. Er bekam sie als Trophäe für den Wolfsburger Bürgerpreis. Ortsbürgermeister Adam Ciemniak persönlich hat sie überreicht.
Damit nicht jeder Besucher an der weißen Figur herumfummelt und sie dreckig macht, hat Weilharter einen Drehteller gebaut. Mittels eines Griffes unter dem Regalbrett dreht man die Figur und kann sie von allen Seiten betrachten, ohne sie zu berühren. Weilharter bekam den Preis, weil er sich so sehr für seinen Stadtteil engagiert.
In der Tat, Weilharter hat mehrere Ehrenämter. Der ehemalige Einzelhandelskaufmann ist im Kirchenvorstand für die Finanzen zuständig und stellt dem SoVD Wolfsburg sein Wissen als Schatzmeister und Chefrevisor zur Verfügung. Das wichtigste seiner Ehrenämter liegt aber in einem anderen Bereich: dem Tierschutz. „Ich habe immer gesagt, dass ich Tieren helfen möchte, wenn ich mal in Rente gehe“, sagt Weilharter.
So kam es. Im Oktober 2010 meldete er sich im Tierheim an, zum Gassigehen mit Hunden. Dort lernte er den 15-jährigen Dackelmix Balu kennen und nahm ihn später bei sich auf. „Der hat mir hier alles dreckig gemacht, aber das durfte er, das war mein Balu“, erinnert sich Weilharter und blickt kurz ins Leere. Der Hund ist mittlerweile gestorben.
Die Tierhilfe war ursprünglich an das Tierheim angegliedert, erinnert sich Weilharter. Bei einer Mitgliederversammlung im November 2010 trat der Vorstand des Vereins geschlossen zurück. „Das war meine erste Versammlung. Ich war geschockt, dass es da gleich so knallt“, sagt Weilharter. Niemand wollte das Amt übernehmen, da habe er sich bereiterklärt. Und am 7. Januar 2011 übernahm er offiziell die Tierhilfe und ließ den Verein gerichtlich eintragen. „Damals waren wir 20 Mitglieder, heute sind wir 53“, bilanziert Weilharter stolz. „Meine ganze Liebe und Kraft steckt in diesem Verein.“ Und das Datum ist ihm wichtig, es hat sich eingebrannt.
Weilharter wohnt in einem der Hochhäuser beim Klinikum, ganz oben, unter dem Dach. Aus dem Fenster seiner Wohnung kann er bei gutem Wetter bis zum Brocken und nach Braunschweig blicken. „Das war ein Lebenstraum von mir, eines Tages ganz oben zu wohnen. Den Wunsch konnte ich mir erfüllen“. Genau so wie den Wunsch, sich im Tierschutz zu engagieren.
Auf dem Bett liegt sein Haustier, ein Kater namens Pussycat. Dass der Name für ein männliches Tier nicht ganz passend ist, räumt Weilharter ein. „Er ist ja auch keine Pussy, der Name kommt ganz einfach aus dem Lied von Tom Jones.“ Kater und Herrchen fanden bei einer Tierrettungsaktion zueinander. Vermitteln konnte er „Pussycat“ nicht und nachdem das Tier eine Zeit bei ihm gelebt hatte, wollte er es nicht mehr hergeben. Mittlerweile dürfte der Kater mit den schon grauen Schnurrhaaren laut Schätzung Weilharters um die zwölf Jahre alt sein. „Er scheint irgendwann ein schlechtes Erlebnis mit einer Frau gehabt zu haben“, vermutet Weilharter. Denn der Kater reagiere gelassen und friedlich auf fremde Männer – Frauen hingegen greife er an. „Als ich eine Nachbarin bat, ihn im Urlaub zu füttern, hatte die Ärmste ganz zerkratzte Beine, als ich wiederkam“, sagt Weilharter.
Der Kater ist nur eines von vielen Tieren, an deren Rettung die Tierhilfe beteiligt war. Ob es Wild- oder Haustiere sind, der Tierschützer steht bereit wenn ein Tier in Not ist. Besonders abscheuliche Quälereien sind Sven Ulf Weilharter im Gedächtnis geblieben. „Das Schlimmste war sicher der Hase in Westhagen“, sagt er. Unbekannte hatten dort im Mai vergangenen Jahres den Tierkäfig an einer Schule aufgebrochen, ein Meerschweinchen erwürgt und einen Hasen mit Nadel- und Messerstichen fast zu Tode gequält. Die Polizei fragte Weilharter Abends um 22 Uhr, ob er dazukommen und beraten könne. Er machte sich sofort auf den Weg. „Das hat mich vor allem erschrocken, weil die Geschichte auch noch in einer Schule passiert ist.“
Die Stimme wird leiser, der Tierfreund ist auch anderthalb Jahre nach dem Vorfall noch betroffen. Den Hasen konnte er damals übrigens retten. Weilharter spricht mit einem weichen Dialekt. Dass er nicht aus Wolfsburg kommt, lässt sich heraushören – es klingt melodisch wenn er spricht, aber es ist kein sauberes Hochdeutsch. „Ich komme aus Österreich, genauer gesagt aus Wels, einer Stadt zwischen Salzburg und Linz.“ Ende der 60er Jahre kam er mit seiner Familie nach Wolfsburg. In Deutschland sei er als Ausländer behandelt worden, erinnert sich Weilharter. „Ich musste immer meine Arbeitserlaubnis verlängern und hatte lange noch einen österreichischen Pass.“ Die Einbürgerung kam mit der Wende, erzählt er. „Es war für uns so unvorstellbar, dass die Mauer fiel, dass ich drauf gewettet habe. Wenn Deutschland wieder vereinigt wäre, dann würde ich mir meine deutsche Staatsbürgerschaft holen.“ So kam es. Weilharter erzählt, dass er einen Tag nach dem Mauerfall zum Amt gegangen sei und seinen deutschen Pass bestellt habe. 100 Mark hätte es gekostet.
Ungeachtet seiner Herkunft fühlte sich der Tierschützer aber schnell als Wolfsburger. „Ich habe immerhin knapp 45 Jahre hier gewohnt und gearbeitet. Ich liebe diese Stadt und möchte nicht mehr weg.“ Zeit seines Lebens habe er Möbel verkauft. Zwar waren das vor allem Küchen, doch auch bei sich zu Hause hat er einige Schätze. Einen Tisch etwa, aus Mooreiche. Weilharter schätzt, dass er aus dem vorigen Jahrhundert stammt. „Ich wusste lang nicht, wo ich ihn hinstellen soll. Aber eigentlich ist ja klar, dass er vor das Fenster gehört, damit ich die Aussicht genießen kann“, erzählt der Rentner. Vor das Fenster, aus dem er zum Brocken blicken kann. Dort wo der Tisch vorher stand, steht ein Stuhl, ein laut Weilharter echter Charles Eames, noch mit Originalbezug. Daneben eine Lampe, die Weilharter auf das Jahr 1925 datiert. Eine Pendeluhr gongt zur vollen Stunde.
„Ich lebe gern in der Vergangenheit“, sagt Weilharter. „So wache ich auf und habe direkt viele Erinnerungen vor mir.“ Doch auch die Gegenwart gefällt ihm, wie er sagt. Im Sommer fahre er immer um die 45 Kilometer Fahrrad. Weil er so viele Leute kenne, dauere eine Tour schon Mal acht Stunden. Daneben steckt er so viel Zeit in seine Ehrenämter, dass er sagt: „Manchmal glaube ich, ich arbeite jetzt mehr, als noch im Arbeitsleben.“ Aber es lohnt sich, wie an der Skulptur in Weilharters Schrank ersichtlich wird. Die will er, so weit hat er vorgesorgt, einst seiner Enkelin vermachen. Aber bis es so weit ist, soll es weitergehen mit der Tierhilfe. „So lange ich gewählt werde und gesundheitlich in der Lage bin, werde ich weitermachen.“ Seine Motivation ist jedes gerettete Tier

