Hannelore Lux – Vorleserin im Kindergarten
Wolfsburg In unserer Serie „Wolfsburgs starke Seiten“ stellen wir Ehrenamtliche aus der Stadt vor. Hannelore Lux ist langjährige Lesepatin in der Christus-Kita.
Wer will mitkommen, vorlesen?“, fragt Hannelore Lux. Sie steht im Gruppenraum der blauen Gruppe der Kindertagesstätte in der Christuskirche. „Ich, ich, ich!“, schreit ein Junge und kommt angerannt. Ihm folgen zwei weitere Kinder, innerhalb einer Minute hat Lux sieben kleine Zuhörer zusammen und geht mit ihnen in einen anderen Gruppenraum der Kita.
Dort herrscht erst einmal Chaos. Ein Mädchen setzt sich in eine Hängematte und will schaukeln, andere Kinder zieht es zu den Spielsachen. Doch Lux hat ihre Methode, die Kinder aus der ausgelassenen Spielstimmung in den Zuhörermodus zu holen. „Cookie“ heißt diese Methode. Cookie ist ein Vogel, eine Handpuppe, und bei den Kindern sehr beliebt. Alle wollen ihn begrüßen, jeder streichelt Cookie, „gibt ihm etwas zu essen“. Der Vogel sorgt dafür, dass alle Kinder sich um Christine Lux herum auf einem runden roten Teppich niederlassen. Die Lesepatin setzt sich auf einen kleinen Kindergartenstuhl.
„Den Cookie habe ich noch von damals aus dem Englischunterricht“, berichtet Lux. Sie hat sich schon im Studium mit Kinderbüchern beschäftigt und viele Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet. Im Jahr 1972 kam die gebürtige Oldenburgerin nach Wolfsburg. Ihr Mann arbeitete bei VW, sie unterrichtete an insgesamt drei Grundschulen. „Die Hellwinkelschule war meine wichtigste Station“, erzählt die Lesepatin. Schon dort habe sie ihren Schülern vorgelesen.
In einem Jahr habe sie die komplette Geschichte „Karlsson vom Dach geschafft“, ein Buch mit rund 300 Seiten. „Es war toll, wie die Kinder sich darauf gefreut und das eingefordert haben“, erinnert sich Lux. Und jetzt, im Ruhestand, führt sie das Vorlesen fort – seit nunmehr sieben Jahren und die ganze Zeit in der Kita der Christuskirche. Mindestens ein Mal in der Woche ist sie die Vorleserin. Karlsson vom Dach wäre hier zu schwere Kost. „Für die Kinder in der Kita habe ich Erzähl- und Wimmelbücher. Das sind die, auf denen man etwas sehen kann oder suchen muss.“
Auch wenn die Kinder dank Cookie etwas ruhiger sind, fällt manchen das Stillsitzen doch schwer. Hannelore Lux liest auch nicht einfach vor. Sie kennt die meisten ihrer Bücher so gut, dass sie nicht mehr wirklich lesen muss. So kann sie das Buch von sich weg halten, so, dass die Kinder die Bilder sehen können.
Lux liest die Geschichte von Frederick, der Maus. Während alle anderen Mäuse im Winter Nüsschen, Getreidekörner, Sonnenblumenkerne und viele andere Leckereien sammeln, sammelt Frederick Farben, Sonnenstrahlen und Wörter. Mit diesen besonderen Vorräten hilft er seinen Mäusefreunden über die letzten Wintermonate. Eine Illustration im Buch zeigt, wie Frederick den anderen Mäusen von den Farben erzählt, dargestellt durch Farbkleckse in Sprechblasen. „Was hat Frederick für Farben gesammelt?“, fragt Hannelore Lux die Kinder. Und jedes darf aufstehen und im Buch zeigen, welche es sind. „Blau, Rot, Gelb, Lila und Grün.“ Jedes Kind nennt die Farben. Lux hört sich alles geduldig an und lobt, bevor sie weiterliest.
Zum Ehrenamt kam sie durch einen Aufruf in den WN. Darin wurden Lesepaten gesucht. Lux meldete sich. „Gehen sie doch mal in die Christuskita“, wurde ihr gesagt. Sie tat es, fand ein „tolles, sehr nettes Team“ vor und blieb. Die Bücher stellt ihr zwar auch das Zentrum Kita Fachberatung zur Verfügung oder sie leiht sich welche in der Stadtbibliothek – die meisten ihrer Vorlesebücher bringt Hannelore Lux aber von zu Hause mit. Es sind immer mehrere, damit sie auf die Kinder eingehen könne. „Das Altersspektrum reicht ja von drei Jahren bis zum Vorschulalter“, sagt Lux. In der Zeit passiere viel, so braucht so Vorlesestoff für die verschiedenen Entwicklungsschritte.
Schon seit dem Studium hat sie eine Leidenschaft für Kinderbücher. „Unter jeden Weihnachtsbaum gehört ein Buch“, meint sie. Zwar bevorzuge sie selbst Klassiker – Ihr persönlicher Favorit ist „Die Pimpelmaus“ von Wiltrud Roser (erschienen 1958) und die Bücher von Astrid Lindgren – aber auch neuen Büchern sei sie nicht abgeneigt, die lerne sie durch ihre beiden Enkelkinder kennen. „Grundsätzlich ist eine klare, einfache Sprache wichtig. Und es muss gut bebildert sein“, findet Lux. Das sei wichtig, denn gerade den kleineren fiele es noch schwer, sich zu lange zu konzentrieren. Deswegen unterbricht sie den Lesefluss immer wieder und zeigt den Kindern Bilder oder stellt Fragen.
So auch als Frederick seinen Mäusefreunden im Winterquartier die Sonnenstrahlen zeigt, die er gesammelt hat. Im Buch wird allen Mäusen ganz warm im Bauch, als Frederick ihnen von der Sonne erzählt. „Schließt mal die Augen und stellt euch die Sonne vor“, fordert Lux die Kinder auf. „Wird euch auch warm im Bauch?“ Ja, sagen die Kinder. Ein Junge hält sich die Hand auf den Bauch.
„Ich weiß nicht, was beim Vorlesen in den Köpfen der Kinder passiert“, sagt Lux. „Aber irgendetwas passiert. Und anhand dieser Bilder im Kopf erweitert sich der Sprachschatz.“ Das sei ein wichtiger Teil ihrer Motivation. „Es geht darum, einen Sprachanlass zu schaffen und so den Wortschatz zu erweitern.“ Ganz nebenbei würden die Kinder lernen, sich zu konzentrieren und still zu sitzen. Wie wichtig das sei, merke sie an den Kindern, die es immer schwerer hätten, sich auszudrücken und zu konzentrieren. Das wolle sie erreichen, indem sie die Kinder fesselt. „Nein, nicht dieses Fesseln“, schmunzelt Lux. „Ich will sie mit Worten und Bildern so fesseln, dass sie es alleine schaffen, sich zu konzentrieren.“
Um Worte geht es auch im Buch. Die Maus Frederick hat welche gesammelt dichtet am Ende der Geschichte mit wundervollen Worten ein Gedicht über die vier Jahreszeiten. Die Mäuse sind begeistert und sagen: „Frederick, du bist ja ein Dichter!“. Hannelore Lux fragt die Kinder, ob sie denn auch ein Gedicht kennen. Alle sagen Nein, bis auf einen kleinen Jungen. Er beginnt: „Kastanienfrüchte, rund und braun, wohnen alle auf einem Baum.“ Die anderen Kinder kennen das Gedicht, stimmen mit ein, rezitieren die Verse am Ende alle gemeinsam.
Hannelore Lux applaudiert. Die Vorleserunde der blauen Gruppe endet, die Lesepatin bringt die Kinder wieder zurück und holt sich aus der nächsten Gruppe ihre Zuhörer.
