Fünf Verwaltungschefs waren NSDAP-Mitglieder
Wolfsburg Die Stadt lässt 67 Jahre nach Kriegsende ihren „Weg zur Demokratie“ erforschen. Verwaltungschefs waren schon unter den Nazis wichtige Funktionäre
Die ersten fünf Wolfsburger Oberstadtdirektoren der Nachkriegszeit waren während des Dritten Reiches allesamt Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Diese nicht überraschende und auch nicht neue Erkenntnis ist eines der ersten jetzt veröffentlichen Ergebnisse des von der Stadt initiierten Forschungsprojektes „Wolfsburg auf dem Weg zur Demokratie. Von den Anfängen bis zur Großstadtwerdung“. Der Historiker Dr. Günter Riederer vom städtischen Institut für Zeitgeschichte stellte das Ergebnis seiner Recherchen im Bundesarchiv gestern vor.
Johannes Dahme, Otto Grimm, Walter Wegner, Wolfgang Hesse und Günter Balk, die der Verwaltung in den Jahren 1946 bis 1973 vorstanden, gehörten der NSDAP an. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie ihre Mitgliedschaft „und etwaige andere Verstrickungen nach 1945 verschwiegen“, wie Riederer berichtete. Es sei aber auch nicht auszuschließen, dass sich nach Abschluss der Entnazifizierungsverfahren niemand mehr für die braunen Wurzeln der Verwaltungsexperten interessiert habe. Bis auf Dahme, der seines Postens aus angeblich politischen Gründen 1936 enthoben wurde, hatten die vier anderen Wolfsburger Oberstadtdirektoren während des Nazi-Regimes allesamt hohe Verwaltungsposten inne. Die Männer waren zu Beginn der braunen Diktatur Anfang 20 (Hesse) oder Mittdreißiger. „Sie haben ihre durchaus vorhandenen Handlungsspielräume nicht genutzt. Nach dem Kriege haben sie ihre Vergangenheit hartnäckig verschwiegen – in manchen Fällen auch auf explizite Nachfrage“, resümierte Riederer. Trotz der nicht zu leugnenden biographischen Ähnlichkeiten, müsse dennoch jeder Einzelfall im Kontext der besonderen Wolfsburger Nachkriegsverhältnisse betrachtet werden. Wolfsburg sei der „Torso einer nationalsozialistischen Musterstadt“ ohne eine funktionierende Verwaltung gewesen. Wie weit ihr nationalsozialistischer Hintergrund ihr späteres Handeln in Wolfsburg beeinflusst habe, wollte Riederer nicht mutmaßen. Hesse aber habe beispielsweise erheblichen Anteil an der städtebaulichen Entwicklung der VW-Stadt gehabt. Oberbürgermeister Klaus Mohrs geht es darum, über die faktische Erfolgsgeschichte Wolfsburgs hinaus die schwierige Nachkriegsgeschichte erforschen zu lassen. „In einem komplizierten Prozess musste sich im ersten Nachkriegsjahrzehnt ein demokratisches Bewusstsein erst entwickeln“, sagte Mohrs.
Im Vorjahr hatten die Wolfsburger Nachrichten die Erkenntnisse des Historikers Dr. Manfred Grieger publiziert. Demnach waren auch viele VW-Betriebsräte und IG Metall-Funktionäre ehemalige NSDAP-Mitglieder. Einer der populärsten war der ehemalige Oberbürgermeister Hugo Bork.


