Buhmann für ein Wochenende
Wolfsburg In unserer Serie „Wolfsburgs starke Seiten“ stellen wir Ehrenamtliche aus der Stadt vor. Den Auftakt markiert Schiedsrichter Michele Carminio.
Der 9. März 2002 war in Sachen Fußball eigentlich ein ziemlich normaler Tag: Die Münchener Bayern setzten sich erwartungsgemäß im Stadtduell gegen den TSV 1860 mit 2:1 durch – und der VfL Wolfsburg schlug den 1. FC Köln Zuhause mit 5:1.
Zehn Kilometer weiter westlich allerdings geschah etwas besonderes: Ein Mann stand in kurzen, schwarzen Hosen auf einem Rasenplatz in Nordsteimke. Ein letztes Mal prüfte er die Karten, die er sich in die Tasche gesteckt hatte. Er atmete tief durch – und pfiff sein erstes Spiel an. Seitdem ist Michele Carminio Schiedsrichter.
„Ich war ziemlich nervös, muss ich zugeben“, sagt der 52-Jährige und lächelt breit über das ganze Gesicht. Seit diesem Samstag im Jahr 2002 schlüpft er jedes Wochenende in seine Shorts. Mindestens. Es gibt auch Wochen, da pfeift er bis zu vier Spiele. Dann steigt er ins Auto und fährt quer durch Wolfsburg, Helmstedt oder Gifhorn, je nachdem, wo man ihn gerade hinschickt. Hunderte von Partien hat Carminio inzwischen geleitet. Er gehört damit zu den rund 50 Schiedsrichtern, die in den unteren Fußball-Ligen der Stadt für Ordnung sorgen. Und nicht selten ist Carminio der Buhmann für ein Wochenende.
Dass er einmal auf dieser Seite eines Spieltages stehen würde, war kaum abzusehen. Denn Schiedsrichter gehörten für ihn während der eigenen Fußballer-Karriere nicht unbedingt zu seinen Freunden. „Was das angeht war ich ein ziemlich schlimmer Junge“, gibt er zu. Was das genau heißt, sagt er nicht. Aber jeder, der schon mal gegen den Ball getreten hat, weiß, was eine vermeintlich falscher Pfiff für Emotionen freisetzen kann.
Und wer Carminio kennenlernt, ahnt, dass sich da eine ganze Menge Emotionen Bahn gebrochen haben könnten. Fußball ist für Carminio vermutlich mehr, als für andere Menschen. Fußball ist für ihn ein Wegbegleiter, eine Brücke in ein fremdes Land, das er mit 16 Jahren kennenlernte, als er am Wolfsburger Bahnhof aus dem Zug stieg. 1976 holte sein Vater den jungen Michele aus Sizilien nach Wolfsburg. „Ich wollte das auf keinen Fall“, erinnert er sich heute. Die Freunde, die Familie, vor allem seine Großmutter, die ihn aufgezogen hatte, während die Eltern in Deutschland Geld verdienten. Alles musste er zurücklassen. „Die Sprache, das war schwer, damit hatte ich Probleme“, erinnert sich Carminio. Vater und Sohn schlüpften bei einer deutschen Familie unter, „zwei Betten in einem kleinen Zimmer“. Carminio begann, in einer Kantine in Kästorf zu arbeiten, einem beliebten italienischen Treffpunkt. Doch das Heimweh ließ ihn nicht los. Irgendwann sagte er seinem Vater: „Wenn ich hier nur unter Italienern bin, dann fahre ich wieder nach Hause.“ Der Vater verstand und zog mit seinem Sohn nach Mitte-West. Dort eröffnete der Vater eine Bar, die Oase. Carminio stand hinter der Bar. Ein Glücksfall, denn dort lernte er seine Frau Bettina kennen. „Ich hatte damals den Bus verpasst, musste mich aufwärmen“, erinnert sich die 52-Jährige. Sie ging in die Oase und sah ihn. Sie entschloss sich, immer wieder zu kommen. 1980 heiratete das Paar
Der Fußball ebnete ihm den Weg in die neue, fremde Heimat. Zunächst spielte er bei Lupo, „meiner alten Liebe“. Dann wechselte er, quer durch Stadt und Ligen. Nordsteimke, ESV Wolfsburg, AS Apulien, Mannschaften mit Italienern, Deutschen. Der Fußball gab ihm Halt, dort traf er Menschen, die zu Freunden wurden. Dort nahm er seine neue Heimat für sich in Besitz. Es ist eine Geschichte, wie sie in Wolfsburg wohl hundertfach geschrieben wurde.
Irgendwann spürte er, dass er und seine Liebe Fußball sich auseinanderlebten. Er verlor seine Spritzigkeit, die Knochen machten nicht mehr mit. Viele wechseln in diesem Moment in die Senioren-Mannschaft, lassen es ruhig angehen, kicken nur noch zum Spaß. Carminio nicht. „Ich habe mir gedacht: Gut. Dann schaue ich mir jetzt mal die andere Seite an.“
Seitdem habe er den Satz „Ich habe doch gar nichts gemacht“ wahrschscheinlich Hunderte Male gehört. „Für die Verlierer-Mannschaft ist eigentlich immer der Schiri schuld.“ Diese Regel kannte er als Fußballer, jetzt hat er sie als Schiedsrichter kennengelernt. Inzwischen kann er darüber lachen, am Anfang ist ihm das noch schwerer gefallen. Beleidigungen durch die Spieler, Schmährufe von den Zuschauern, Carminio steckt das weg. „Klar könnte ich sonntags auch spazieren gehen. Aber ohne Schiri kein Fußballspiel – so einfach ist das.“
Der Ball muss rollen, so sieht das Carminio. Und die Spieler müssen spielen. Das können sie nicht, wenn sie mit einer Roten Karte vom Platz fliegen. Er zieht sie daher selten, „weil ich weiß, dass die Jungs dann erstmal zum Zuschauen verdammt sind.“ Er war selbst lang genug Fußballer, er weiß, welche Strafe das sein kann. Bei brutalen Fouls allerdings ist die Grenze erreicht. „Wer andere verletzen möchte, der ist raus.“ Carmionio kann das erkennen. „Fouls kann ich sehr gut einschätzen. Jemand, der nie Fußball gespielt hat, macht da Fehler.“ Spätestens jetzt spürt man, was ihm das Schiri-Sein bedeutet. Carminios Augen beginnen zu leuchten. „Es ist die Frage, wie man das Spiel leitet. Wann macht man es schneller, wann nimmt man das Tempo raus.“ Carminios Arme fliegen durch die Luft. Er wirkt wie ein Dirigent.
Hat der Schiri immer recht? „Wenn ich eine Entscheidung treffe, dann steht sie. Da will ich nicht drüber diskutieren. Am Anfang habe ich das noch gemacht, das war ein Fehler.“ Trotzdem: Er ist auch nur ein Mensch. Und in den unteren Klassen ist er allein auf dem Platz. Ein Handgemenge hinter ihm, ein knappes Abseits weit von ihm entfernt. Wie soll er das erkennen? Und, ja: Es gibt auch Tage, da läuft es einfach schief. „Da lässt man sich Spielszenen noch mal durch den Kopf gehen und denkt: Ja, da hast du wohl einen Fehler gemacht.“ Carminio bleibt damit nicht hinter dem Berg, er geht zu den Trainern und entschuldigt sich. Und oft genug kommen die Trainer nach dem Spiel auch zu ihm und sagen: Danke, gut gemacht. „Die schönste Anerkennung.“


