Rote Pflöcke sorgen für Unruhe
Lebenstedt Der alte Dorffriedhof in Lebenstedt ist ein Stück Geschichte. Nun beunruhigen Ortsheimatpfleger Reinhard Obst rot bemalte Pflöcke in einigen Gräbern.
Der alte Dorffriedhof in Lebenstedt ist ein Stück Geschichte. Seit neuem stecken rot bemalte Pflöcke in dem ein oder anderen Grab, und Ortsheimatpfleger Reinhard Obst fürchtet das Schlimmste. Der Aushang des Amtsblatts Nummer 18 besagt nämlich, dass Gräber eingeebnet werden sollen. Nicht zu verstehen, bietet der Friedhof doch viel Platz. „Der Kirchhof mit allen Grabsteinen ist 1993 außerdem in die Denkmalliste aufgenommen worden“, informiert Obst, und wenn Gräber hier beseitigt würden, verstoße man gegen den Denkmalschutzgedanken, sagt er. Er hat Fotografien mitgebracht von Gräbern, die längst verschwunden sind – nach 1993. „Hier ist schon viel gesündigt worden“, schimpft er.
Beim Rundgang zeigt er auf die Grabsteine und erzählt von den Personen, die hier ruhen, als wären es alte Freunde. Da ist Christian Diekmann, der um 1900 in Lebenstedt Bürgermeister war. Oder August Heydecke, der letzte Dorfbürgermeister Lebenstedts. „Heinrich Hoppe war mal der größte Landwirt hier“, weiß Obst, auf Hoppes Grabstein steht etwas von „Heldentod“. Heinz Ross ist als Junge beim letzten Luftangriff im April 1945 erwischt worden, sagt der Ortsheimatpfleger.
Auf dem Friedhof ruhen auch 34 Lehrjungen, die bei einem Luftangriff auf die damaligen Reichswerke Immendorf 1944 umgekommen sind. Seit 1955 ist der Friedhof keine öffentliche Begräbnisstätte mehr, weiß Obst.
Vor manchem Grab steht ein drohender Pflock. Zwei Gräber sind stark zugewuchert, hier gibt es keine Pflöcke. „Das der Familie Bennte war schonmal größer, die Platten standen früher, jetzt liegen sie“, sagt Obst. Auch hier ragt ein Pflock in den Lebenstedter Friedhofshimmel. Ein Obelisk ist von einem größeren Grabaufbau abgefallen (kein Pflock), bei der gewollt dekorativ abgebrochenen, aber standfesten Säule auf dem Grab von Helene Puslat ist allerdings einer. Obst kann gar nicht nachvollziehen, nach welchen Kriterien hier Pflöcke gepflanzt wurden.
Sprecherin Christine Flechner von der Stadt Salzgitter kann Entwarnung geben. „Es ist klar, dass die Gräber und Grabsteine unter Denkmalschutz stehen“, sagt sie. Geplant sei lediglich, die Pflegbarkeit der Gräber zu verbessern. Der Pflock bedeute also: „Die Einfriedung kommt weg, aber die Steine bleiben stehen – es sei denn, sie drohen umzustürzen“, sagt Flechner, „dann werden sie hingelegt.“
Die Pflöcke bedeuten im übrigen auch, dass Angehörige das Grab, dessen Zeit abgelaufen ist, zurückkaufen können, um dort Bestattungen vorzunehmen, informiert Flechner. Was die bereits entfernten Grabsteine angeht, so werden sie laut Flechner etwa im Schloss Salder eingelagert. „Die Aufnahmekapazität dort ist aber erschöpft“, weiß sie. Und das Ehrenmal für die toten Lehrjungen bleibt auf jeden Fall auf dem Friedhof, betont Flechner. Denn Kriegsgräber hätten unbegrenztes Bestandsrecht.



