„Ich bin Chris und habe ADS“
Salzgitter Julius versteckt sich heute nicht mehr hinter einem erfundenen Namen. Julius ist Chris. Und Chris hat ADS. Und er steht dazu.
„Es wissen sowieso alle, was mit mir los ist“, sagt er. ADS, lang Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, ist alles andere als eine Modeerscheinung. ADS ist eine handfeste Krankheit, die ihm bisweilen das Leben zur Hölle macht.
Chris, der aufgeweckte, musikalische und bewegungsfreudige Junge, träumt viel, kann sich schlecht konzentrieren. Um den Vormittag in der Schule gut zu überstehen, nimmt er seit einigen Jahren Medikamente. Am Nachmittag muss Chris ohne Pillen klarkommen. Strenge Regeln, gutes Zureden und straffe Organisation helfen dem Gymnasiasten dabei.
Mutter Anne-Katrin J. – ihren Nachnamen möchte sie auch heute noch nicht in der Zeitung lesen – hatte vor zwei Jahren den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt, weil sie eine Selbsthilfegruppe gründen wollte.
Sie hatte bei einer Kur gemerkt, wie gut es tat, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Zum Beispiel auch über die kontrovers diskutierte Gabe von Medikamenten. Anne-Katrin J.: „Ich habe lange mit mir gehadert. Welche Mutter verabreicht ihrem Kind schon gerne Drogen? Man weiß doch nichts über Spätfolgen. Aber meinem Chris geht es damit einfach besser.“ Zudem war die 37-Jährige davon überzeugt, dass es in Salzgitter viele ADS-Familien gibt, die sich verstecken. Ihnen wollte sie Ansprechpartnerin sein. Die Selbsthilfegruppe floriert. Drei Familien gehören zum harten Kern. Zwei bis drei kommen immer wieder dazu.
Jetzt plant Anne-Katrin J., ihren Wirkungskreis zu vergrößern. Neu im Programm der Selbsthilfegruppe ist eine Sprechstunde für Betroffene oder Interessierte, die von jetzt an jeden zweiten Freitag im Monat im Klinikum Lebenstedt stattfindet. Dank der Hilfe zweier Krankenkassen ist Anne-Katrin J. zudem ausgestattet mit Bücherkiste, Beamer und Laptop und kann auf Anforderung Infoabende gestalten. Im nächsten Jahr soll es losgehen.
Mit ihren Veranstaltungen möchte sie vor allem Lehrer erreichen, die häufig große Probleme im zugegebenerweise nicht immer leichten Umgang mit ADS- und ADHS-Kindern haben (das H steht für Hyperaktivität). Mittlerweile machten Lehrer zwar große Fortschritte, sagt Anne-Katrin J.
Aus Berichten bei Fachseminaren weiß sie aber, dass viele Pädagogen während des Studiums immer noch lernen, dass Träumerchen und Zappelphilipps nur mit Strenge beizukommen sei. „Das stimmt nur bedingt“, betont die Mutter. „Eine gewisse Härte und klare Regeln sind okay, aber man kann sie auch lachend einhalten.“
