Wie Polizisten die Puzzle-Teile im Kopf ordnen
Peine Nach Unfällen oder Verbrechen sprechen wir über die Opfer und die Täter – selten über die Einsatzkräfte. Was aber fühlen Polizisten?
Der Landkreis Peine im Jahr 2012: In Edemissen wird ein Mann kilometerweit von einem Laster mitgeschleift – er hat keine Chance. In Sierße rast ein Auto in einen Feuerwehrwagen – zwei Menschen sterben. Wenige Wochen später nahe Mehrum wieder ein Trümmerfeld – der elfte Verkehrstote in diesem Jahr. Davor im Juni die unfassbare Bluttat in Ilsede mit vier getöteten Kindern.
Seit dem Zugunglück von Eschede vor mittlerweile 14 Jahren weiß die Polizei um die Bedeutung psychologischer Betreuung von Einsatzkräften. Seither gibt es in Braunschweig eine Regionale Beratungsstelle (RBS) der Polizeidirektion.
Der Peiner Kommissariatsleiter Thomas Bodendiek gehört zu den Polizeichefs, die die Arbeit der psychologisch geschulten Kollegen in höchstem Maße Wert schätzt und sie häufig in die Nachbereitung von Ereignissen einbezieht, die aus dem Alltagsgeschäft herausfallen. „Ilsede, Sierße, Mehrum – all das wurde nachbereitet. Da habe ich von mir aus ein Gespräch mit den Verhaltenstrainern aus Braunschweig vereinbart“, sagt Bodendiek. Er kennt einen der Berater, Bernd Hopp, noch aus seiner Zeit im Streifendienst, lässt sich zuweilen selbst auf dessen eine oder andere Frage ein.
Fragen, das ist das Stichwort – und das Handwerkszeug der RBS, das sich an der Theorie des US-Militärpsychologen Jeffrey Mitchell orientiert, der Vietnam-Veteranen begleitet hat. In zweijähriger Ausbildung und regelmäßigen Fortbildungen haben die Kollegen, alles ausgebildete Polizisten, bestimmte Muster der Nachbesprechung gelernt, die „Ordnung in die Puzzle-Teile im Kopf bringen“, erklärt Hopp. Er ist seit den Anfängen im mittlerweile festen sechsköpfigen Team der Braunschweiger Beratungsstelle.
Da wird nicht allgemein gefragt: Wie geht es Dir?, sondern: Was war Deine Aufgabe im Einsatz? Was ging Dir durch den Kopf? Wie geht es Dir damit heute?. Die Antworten seien oft ebenfalls Fragen, schildert Hopp. „Warum ich alter Hase?“ oder „Ich muss doch eigentlich jetzt mein Kind abholen?“ Der Experte erklärt: „Wir tiefen in solchen Gesprächen nicht, das heißt: Wir haken nicht nach. Details haben wir nicht und brauchen wir nicht.“
Im „Alltags-Wahnsinn“ entfalte manch Erlebtes erst in den Tagen drauf seine Wirkung, erklärt Jentsch. Immer dieselben Bilder im Kopf, dieselben Geräusche und Gerüche, Alpträume, Schweißausbrüche vor genau der Kreuzung, wo der Unfall passiert ist. „Es ist gut und richtig, dass der Körper sich meldet – nach einem anspruchsvollen Dienst.“ Die normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis. Oder, wie Hopp formuliert: „Wenn etwas Trauriges passiert, dann kann man auch traurig sein.“
Fest steht: Der Prozess der Normalisierung braucht Zeit. Hopp schildert: „Wenn ich einen Kollegen vier Wochen später anrufe und er sagt: Das war ein ganz schönes Paket, aber jetzt ist es okay, dann ist das Ziel erreicht. Das Erlebte bleibt gruselig. Es steht im Tagebuch – und da gehört es auch hin.“
