Wer „Acht ums Vordereck“ kegelte, musste bezahlen
Vechelde Mitglieder des ehemaligen Kegelclubs „Fidelio“ gaben Einblicke in ihre Schatzkiste – und damit in vergangene Zeiten.
Die Stimmung hat etwas Geheimnisvolles. In einer großen Truhe hat der ehemalige Kegelclub „Fidelio“ aus Vechelde seine Erinnerungsstücke und Dokumente verstaut. Jetzt haben sie einige Mitglieder geöffnet und unserer Zeitung einen Einblick gewährt. „Über viele Jahrzehnte hat diese große und schwere Kiste unsere Dokumente und andere Utensilien bewahrt“, erklärt Kegelclub-Mitglied Heinz Eilhardt (80). Vor etwa vier Jahren wurde der Club aufgelöst und die Schatzkiste mit den Unterlagen dem Gemeindearchiv Vechelde in Wahle übergeben. Die beiden Mitarbeiter Ingo Goczol und Peter Junge haben den Inhalt sorgfältig gesichtet und registriert und die ehemaligen Vereinsmitglieder Eilhardt und Axel van Veersen zum Gespräch in das Gemeindearchiv eingeladen.
„Eigentlich war der aktuelle Kistenbesitzer immer froh, wenn er das große und sperrige Ding wieder los ist“, lacht van Veersen (73). Zwischen Regalen mit Hunderten picobello angeordneten Archivkartons hat er sich mit Eilhardt an einen Tisch voller Erinnerungsstücke aus der Kiste gesetzt. „Hier zum Beispiel alte Registrierbücher“, zeigt er. In feiner Handschrift und mit großer Sorgfalt wurde dort über den Verlauf der regelmäßigen Abende Buch geführt.
„Begonnen hat alles am ersten Juli 1873“, sagt Eilhardt. Kegeln sei damals eine sehr beliebte Beschäftigung gewesen. Er vermeidet zu sagen: nur Sport. „Das war es sicherlich auch“, fährt er fort. „Aber damals war es noch ein bisschen mehr. Es waren zumeist selbstständige Handwerksmeister, die ‚Fidelio’ gegründet haben.“ Personen wie Maler Paul Peters und Klempner Jupp Elger oder Bürgermeister Heinrich Rischbieter – Namen, die bis heute in Erinnerung geblieben sind.
Man sei unter sich gewesen bei den Abenden einmal in der Woche, immer ohne Frauen. „Die Zeiten waren damals anders als heute“, gibt van Veersen zu bedenken. Es habe kein Fernsehen und kaum andere Zerstreuungen gegeben, denen man nach der Arbeit nachgehen konnte. In der Stammkneipe bei Erich Greite aber durften ausgiebige Runden gekegelt werden. Berüchtigt und sehr selten sei der Treffer „Acht ums Vordereck“ gewesen, ein sehr seltener Wurf. Dabei musste der vordere Kegel stehen bleiben und alle anderen umfallen. „Wer den schaffte, durfte den ganzen Abend bezahlen“, so Eilhardt schmunzelnd.
„Überhaupt sollte es Spaß machen“, so Eilhardt. Doch das durfte nicht immer so sein, wie einige der vielen Postkarten beweisen, die weiterhin aus der Schatzkiste zum Vorschein kommen. „Das sind Feldpostbriefe aus den Kriegen“, erklärt van Veersen weiter. Immer noch gut erkennbar lassen einige in den Zeilen das Grauen des Krieges wieder lebendig werden: „Die Lage hier ist beschi....“, heißt es dort zum Beispiel. Oder: „Ihr lieben Kegelbrüder, ich hoffe, dass wir im nächsten Jahr wieder zu Weihnachten bei euch sein können. Gut Holz.“
Aber dann werden die Karten bunt: Die Wirtschaftswunderzeit beginnt. „Es sind viele Urlaubsgrüße. Von der Nordsee, aus den Alpen, aus Italien“, erinnert sich Eilhardt. Ganze Familien schickten Grüße. Waren die Frauen auch bei den Abenden nicht dabei, so wurde doch viel Wert auf die Familie gelegt. „Gemeinsame Tagesausflüge mit den Frauen gehörten dazu“, ergänzt van Veersen. Frauen waren es auch, die den Wimpel des Vereins fertigen, der jetzt noch aus der Schatzkiste zum Vorschein kommt.
Doch am Ende der Erkundungsreise durch die Truhe zeigen die Vereinsdokumente auch, warum es „Fidelio“ nicht mehr gibt. Eilhardt: „Es wurden immer weniger Mitglieder. Einige sind verstorben, einige haben sich eine andere Sportart ausgesucht. Zum Schluss waren wir nur noch sechs. Dann haben wir den Verein aufgelöst.“ Bleibt da denn nur noch Wehmut? „Nein“, sagen die beiden bestimmt. Alles habe seine Zeit. Und außerdem gebe es noch eine Herrenrunde, bestehend aus ehemaligen „Fidelio-Mitgliedern“, die sich einmal im Monat in einer Gaststätte in Vechelde zum Gespräch treffen.
