In Sachen Fusion ist für viele Braunschweig eine Option
Helmstedt Muss es unbedingt Wolfsburg sein? Für viele Menschen im Landkreis Helmstedt scheint in Sachen Fusion auch Braunschweig eine Option zu sein.
Angesichts der prekären finanziellen Lage und der drastisch sinkenden Einwohnerzahl scheinen die Menschen im Landkreis Helmstedt jedoch grundsätzlich nichts gegen eine Fusion zu haben. Nur: mit wem? In dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. Während die Menschen in Velpke sich offenbar zum großen Teil längst in Richtung Wolfsburg orientiert haben, sieht das zum Beispiel in Teilen von Lehre anders aus. Insbesondere dort spielt die einstige Zugehörigkeit einiger Ortschaften zum alten Landkreis Braunschweig eine große Rolle. Wir haben uns in Helmstedt, Lehre, Schöningen, Velpke und Königslutter umgehört.
„Hat der Landkreis Helmstedt denn überhaupt noch eine andere Chance“, fragt der Helmstedter Christian Beer. „Es wundert mich allerdings, dass Wolfsburg sich darauf einlassen will“, fügt er mit Blick auf den Schuldenberg des Landkreises hinzu.
„Fusionieren wir nicht, werden wir es allein auf Dauer nicht schaffen“, schätzt sein Nachbar Manfred Klein die Situation ein.
„Die Fusion ist aus finanzieller Sicht vernünftig. Eine Alternative gibt es aus meiner Sicht nicht“, betont der Helmstedter Gerhard Fischer. Vor allen Dingen die sogenannte Hochzeitsprämie, die Helmstedt im Falle einer Fusion bekäme, sei ein großer Anreiz.
Eine Fusion mit Wolfsburg? Das hätte ich nicht so gerne. Die sind mir zu abgehoben“, sagt Volker Vollheide aus Essenrode skeptisch und fügt hinzu: „Wer will denn zum Beispiel schon Lehre mit 30 Millionen Euro Schulden übernehmen? Und der Landkreis Helmstedt ist ja noch viel schlimmer dran.“ Seiner Meinung nach sollte alles so bleiben, wie es ist. „Wir in Essenrode waren schon vor der letzten Gebietsreform das äußerste Dorf im Landkreis Gifhorn, sind es jetzt im Landkreis Helmstedt und würden es bei einer Fusion mit Wolfsburg auch bleiben.“ Allerdings gesteht auch der 63-Jährige: „Finanziell wäre eine Fusion schon interessant.
„Wir müssen fusionieren. Der Landkreis Helmstedt ist allein nicht überlebensfähig. Wir wollen aber zurück nach Braunschweig. Lehre ist altes Braunschweiger Land. Das war vor der letzten Gebietsreform auch so, und wir sind nicht schlecht damit gefahren“, betont Fritz Steinert aus Lehre. Wolfsburg könne sich Flechtorf einverleiben, „was unsere Gemeinde betrifft, kann man die alten Grenzen wieder aufleben lassen“.
Martin Schmolke wünscht sich, dass die Bürger intensiv in einen Fusionsprozess eingebunden werden. Denn schließlich würde nach Schmolkes Meinung ein Zusammenschluss jeden Bürger betreffen. „Deshalb halte ich es für zwingend notwendig, dass die Bürger über eine Fusion abstimmen“, erklärt der 73-jährige Königslutteraner.
Eine Fusion mit Wolfsburg sieht Schmolke kritisch: „Die Wege zu den Behörden werden länger.“
Als überfällig bezeichnet dagegen der Lutteraner Hans-Norbert Gratzal die derzeit diskutierte Fusion. „Der Landkreis ist nicht überlebensfähig, die Struktur einfach nicht zukunftsorientiert. Wolfsburg dagegen ist hoch effektiv und finanziell sehr solide aufgestellt“, urteilt der 42-Jährige, für den eine Fusion zwischen einem offenbar Stärkeren und einem schwächeren Partner auch ein Akt gelebter Solidarität in einem funktionierenden Gemeinwesen wäre.
Für den Groß Sisbecker Siegfried Pallasch wird durch die Fusionsdiskussion wieder einmal deutlich, dass es ein klares Verteilungsproblem gibt. „Jeder schaut nur auf sich. Doch selbst in der derzeit guten wirtschaftlichen Situation schaffen wir es nicht wirklich, die Haushalte von finanzschwachen Einheiten zu sanieren“, stellt der 73-Jährige fest.
Der Groß Sisbecker steht zwar einer Fusion offen gegenüber, glaubt aber nicht an eine nachhaltige und dauerhafte Verbesserung der Situation im Kreisgebiet: „Bleibt es bei der derzeitigen Verteilung der Steuereinnahmen, wird es auch weiterhin finanzielle Probleme in strukturschwachen Gebieten geben.“
Birgit Giffhorn aus Velpke steht einer Fusion grundsätzlich offen gegenüber. „Wir hier in Velpke sind natürlich wegen der räumlichen Nähe stark in Richtung Wolfsburg orientiert.
„Um es einmal in einfache Worte zu kleiden: Die Stadt Wolfsburg hat Geld, der Landkreis Helmstedt nicht“, sagt Matthias Kahmann, der mit einer möglichen Fusion vor allem die Chance auf wirtschaftlichen Aufschwung verknüpft.
Bedenken ganz anderer Natur hegt dagegen Doris-Eva Hanne: „Persönlich kann ich mich nicht mit dem Fusionsgedanken anfreunden. Ich fühle mich geschichtlich und kulturell mit Braunschweig verwurzelt“, sagt die Söllingerin. Auch Nils Demuth aus Ingeleben zieht es eher nach Braunschweig als nach Wolfsburg. „Sicher: Für die Gemeinden im Nordkreis würde eine Fusion mit Wolfsburg Sinn machen, doch wir im Südkreis sind einfach auch räumlich gesehen zu weit entfernt.“


