„Die öffentliche Trauerfeier hätte ihm gefallen“
Königslutter Sebastian sei nie jemand gewesen, der im kleinen Kreis unterwegs war. Für seine Freunde war es logisch, dass sie ganz öffentlich um ihn trauern.
Eine Woche vor seinem 22. Geburtstag ist Sebastian bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das ist jetzt ein Jahr her. Damals hatten Freunde eine öffentliche Trauerfeier auf dem Marktplatz in Königslutter organisiert, zu der mehr als 300 Leute kamen.
Auch am Jahrestag seines Todes trafen sich dort vor kurzem wieder über 100 Leute und erinnerten an Sebastian. Wie schon vor einem Jahr, war wieder Lucas Knorrn einer der Freunde, der diese Feier federführend organisiert hatte. Ganz bewusst sollte öffentlich an Sebastian erinnert werden. „Es war eine tolle Veranstaltung“, sagt Lucas und meint es gar nicht, wie es im ersten Moment für Außenstehende vielleicht klingen mag. „Alle, die dort waren, kannten ihn. Es war gut zu sehen, dass noch so viele an ihn denken“, betont der 20-Jährige. „Basti hatte immer viel Aufmerksamkeit, es hätte ihm gefallen. Und außerdem waren wir an diesem schlimmen Tag nicht alleine“, bekräftigt auch Cousine Jessica Szydlowski. „Ich weiß, dass seine Eltern und sein Bruder stolz waren, weil sie wieder gesehen haben, wievielen er etwas bedeutet hat“, ergänzt sie.
Eingeladen zu der öffentlichen Feier wurde über das soziale Netzwerk Facebook. Dort ist mittlerweile auch eine eigene Trauerseite für Sebastian eingerichtet, auf der jeder, der möchte, seine Gedanken niederschreiben kann. Jeden nächsten öffentlichen Schritt spricht Lucas mit der Familie ab, betont er.
Mit Sicherheit gehe es ihm nicht darum, sich selbst in den Vordergrund zu rücken, wie es ihm bereits vorgeworfen wurde. „Die Gruppe ist dafür da, damit jeder seine Stimmung ausdrücken kann, das ist eine gute Sache“, sagt Lucas. Und auch Jessica findet es gut, dass man über Facebook in Kontakt mit Leuten bleibt, die man sonst vielleicht aus den Augen verloren hätte. Sie empfindet das als völlig normal: „Das ist doch heutzutage ein Standard-Kommunikationsmittel. Es kostet nichts, und wir können uns austauschen, wann wir wollen. Außerdem ist es einfach, sich darüber zu verabreden.“ Denn, wenn die Trauer allzu präsent ist, treffen sich die Freunde eben doch ganz real und reden.
Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Tod fehlt ihnen Sebastian. „Mir kommt es gar nicht so vor, als ob es schon so lange her ist, es ging so schnell rum“, beschreibt Lucas. Inzwischen sei es aber eine reelle Situation, es sei auch nicht mehr ganz so schwer. „In den ersten drei, vier Monaten habe ich mir gewünscht, dass Basti mir auf die Schulter klopft und sagt: ,Ey, das war alles nur ein Witz!‘ Jetzt aber steht sein Grabstein.“
Es seien eher Momente, in denen der 20-Jährige an seinen Freund denkt, etwa auf seinem täglichen Weg zur Arbeit, denn dann kommt er an der Unfallstelle vorbei. Oder wenn er in seinem neuen Auto unterwegs ist. „Wir wären bestimmt zusammen durch die Gegend gefahren“, ist sich Lucas sicher. Autofahren ist etwas, was der 20-Jährige seither noch bewusster, noch vorsichtiger als vorher macht. „Wenn ich nicht überholen muss, überhole ich nicht. Fertig!“ Entscheidend sei aber, dass er seither seine Freunde richtig zu schätzen weiß, schließlich habe er gesehen, wie schnell es vorbei sein könne.
Auch für Jessica ist das eine der bewusstesten Veränderungen seit dem Tod ihres Cousins. „Ich versuche, nie mit jemandem im Streit auseinanderzugehen. Ob Familie oder Freunde, ich versuche, die Situation zu lösen und könnte es mir nie verzeihen, ohne ein ,Es tut mir leid!‘ auseinander gegangen zu sein“, erzählt die 18-Jährige. Das letzte Mal, dass sie Sebastian gesehen hat, war in einer Bar in Königslutter. Er hörte ihr zu, als sie von ihren Problemen erzählt hat. „Er hatte immer einen guten Rat. Die Gespräche mit ihm fehlen“, stellt sie fest. „Wenn wir uns heute dort treffen, gucke ich manchmal zur Tür, weil ich hoffe, sie geht auf, und Basti kommt rein.“


