Zwei schwere Unfälle mit Straßenbahnen – Frau starb
Braunschweig Bei einem Zusammenstoß mit einer Tram ist am Samstag eine Radfahrerin ums Leben gekommen. Bei einem zweiten Unfall wurde ein Mann schwer verletzt.
Das war ein schwarzer Samstag für den Öffentlichen Personennahverkehr in dieser Stadt. Kurz nach 15 Uhr zog sich eine 66 Jahre alte Radfahrerin tödliche Verletzungen zu, als sie auf der Langen Straße, von der Gördelinger Straße kommend, die Straßenbahngleise überqueren wollte.
Gegen 20 Uhr wurde der Rettungsdienst dann zu einem weiteren schweren Straßenbahn-Unfall gerufen, der sich kurz hinter der Autobahnbrücke vor Wenden ereignete. Ein alkoholisierter Mann (35) erlitt schwerste Verletzungen, nachdem, er an den Gleisen kniend, von einer Bahn der Linie 1 erfasst und durch die Luft geschleudert wurde.
„Wir haben keine Hinweise darauf, was der Mann an dieser Stelle wollte. Es gibt dort in der Nähe keine Haltestelle und auch keinen Fußweg“, erklärte am Sonntag Polizeisprecher Joachim Grande. Der Fahrer habe keine Chance gehabt und den Mann erst im letzten Moment gesehen.
Das sagt die Verkehrs-AG
Auch bei dem Unfall auf der Langen Straße habe die Fahrerin (48) keine Möglichkeit mehr gehabt, rechtzeitig zu bremsen, sagt Verkehrs-AG-Sprecher Christopher Graffam. Sie habe ja nicht ahnen können, dass die Radfahrerin die Bahn übersieht und ungebremst weiterfährt. Der Bremsweg an dieser Stelle, bei einem gewöhnlichen Tempo von bis zu 40 km/h, betrage rund 20 bis 25 Meter.
Der Überweg über die Gleise sei klar für Fußgänger und Radfahrer ausgeschildert. Die Schilder warnten davor, dass Schienenfahrzeuge zu beachten sind. „Das hat die Radfahrerin offenbar übersehen.“
Unfälle mit Straßenbahnen
Die Unfälle mit Straßenbahnen mehren sich – wobei in vielen Fällen schuld die anderen Verkehrsteilnehmer sind.
Im März 2012 stirbt ein 44 Jahre alter Fußgänger drei Tage nach dem Zusammenstoß mit einer Straßenbahn auf der Friedrich-Wilhelm-Straße. Er erliegt seinen lebensgefährlichen Kopfverletzungen. Der Unfall ereignete sich, als der Mann zwischen zwei Bussen hervortrat, ohne auf den Verkehr zu achten.
Am 12. September 2012 zieht sich ein Radfahrer (28) bei einem Zusammenstoß mit einer Straßenbahn der Linie 4 auf der Langen Straße, in Höhe Kino, lebensgefährliche Verletzungen zu. Die fahrende Bahn erfasste ihn trotz eines Klingelzeichens und sofortiger Notbremsung.
Am 29. Oktober 2012 stößt am frühen Morgen ein 20-Jähriger mit seinem VW-Golf an der Bertramstraße mit einer Straßenbahn zusammen, die Vorfahrt hatte. Er flüchtete, ohne sich um den Schaden zu kümmern.
Am 16. Januar 2013 will ein 72-jähriger Autofahrer gegen 22.20 Uhr in die Böcklerstraße abbiegen und übersieht eine Straßenbahn der Linie 1. Schaden: 11 000.
Die Folgen für die Fahrer
Nicht nur die Opfer leiden, auch für die Fahrer der Straßenbahnen stellen solche Unfälle schwere psychische Belastungen dar bis hin zum Schock. Auch für die Fahrerin der Linie 4 sei der Unfall am Samstag sehr belastend gewesen, weiß Christopher Graffam. Sie habe alles versucht, ihn noch im letzten Moment zu verhindern und sei sofort im Anschluss seelsorgerisch betreut worden. „Die Hilflosigkeit bei einem solchen Unfall belastet sehr.“
Ursachen der Unfälle
Die Gefahren im öffentlichen Straßenverkehr würden oft unterschätzt, sagt Christopher Graffam. Ebenso die Geschwindigkeit herannahender Autos oder Straßenbahnen. Ein zunehmendes Problem sei die abgelenkte Aufmerksamkeit von Fußgängern und auch Radfahrern, die über Ohrenstöpsel und sogar Kopfhörer Musik hörten, während sie eine Straße oder Bahngleise überquerten. „Manche simsen auch dabei oder telefonieren, während sie zu Fuß in der Stadt unterwegs sind.“ In Groß Gleidingen war erst Ende Oktober 2012 ein 22-Jähriger von einer Bahn erfasst worden, als er mit Kopfhörern die Gleise überquerte.
Das sagt der Fahrradclub
Der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), Sven Wöhler, sieht die Unfallstelle an der Langen Straße als „sehr undankbare Ecke“: Erst müsse man, von der Gördelinger Straße kommend, über die vielbefahrene Lange Straße, und es sei schwer, eine Lücke zu finden. „Wenn man sich dann auf die Mittelinsel gerettet hat, wird einem durch die Bäume auch ein bisschen die Sicht genommen.“
Das größte Problem sei jedoch die Akustik. „Moderne Straßenbahnen sind so leise, dass ihre Geräusche im Straßenverkehr untergehen. Man hört sie nicht kommen.“
