Uni-Eignungstest in Mathe – 75 Prozent gescheitert
Braunschweig Mathe bleibt das Problemfach – Beim freiwilligen Eingangstest der Uni scheiterten drei Viertel der künftigen Studienanfänger. Schuld ist möglicherweise der Taschenrechner.
Die teilnehmenden neuen Erstsemester, für die am Montag offizieller Start in den Uni-Alltag ist, lieferten Leistungen ab, mit denen sie in ihrem künftigen Studentenleben in jeder Klausur durchfallen würden. Dabei sollte alles besser werden. Der Aufschrei aus Braunschweig vor drei Jahren hatte ohrenbetäubende Kraft. Uni-Professoren und Industrie- und Handelskammer hatten einen eindringlichen Appell ans Land adressiert: Der Unterricht an den Schulen müsse überarbeitet und entrümpelt werden, damit der Mathe-Notstand bei Berufs- und Studienstartern schnell ein Ende hat
Damals lag die Quote derer, die beim Uni-Eingangstest scheiterten, bei 88 Prozent – nicht entscheidend höher also als die aktuellen Resultate. TU-Professor Dirk Langemann betont: Die Teilnahme am Test sei freiwillig, und niemandem werde aufgrund der Ergebnisse der Zugang zum Studium verwährt. „Der Test dient den Schulabgängern vielmehr zu Selbstüberprüfung der eigenen Fähigkeiten und Defizite“, sagt er.
Die Schulabgänger scheitern an vermeintlich leichtem Stoff
Am Befund ändert das nichts: Den meisten Erstsemestern mangelt es massiv an mathematischen Grundfertigkeiten, etwa in Bruch- oder Überschlagsrechnung. Im Schnitt lösten die 1100 Teilnehmer des halbstündigen Tests nur ein Viertel der 16 Aufgaben. Beim Abschlusstest vor wenigen Tagen – nach zweiwöchigem Mathekurs – konnten die Professoren im Mittel hinter jede zweite Aufgabe einen Haken setzen. Noch immer zu wenig.
Besonders augenfällig: Die Schulabgänger brachen überwiegend beim vermeintlich leichten Stoff aus den unteren Jahrgangsstufen ein, punkteten aber eher bei anspruchsvollen Aufgaben. Für Langemann ist der Taschenrechner der Kern des Übels, vor allem sein verfrühter und übermäßiger Einsatz im Unterricht: „Das Erlernen des Umgangs mit der Technik ist wichtig. Viel wichtiger ist aber für die Schüler, dass sie zunächst die mathematischen Grundmethoden verinnerlichen, dass sie begreifen, welche Aufgaben sie überhaupt den Rechnern übertragen.“
Für Langemann kamen die Test-Resultate nicht überraschend. „Der Taschenrechner-Einsatz im Unterricht hat sich eher intensiviert.“ Der Hochschullehrer warnt aber vor Schnellschüssen: „Eine Änderung in elementaren Fragen des Mathe-Unterrichts will gut vorbereitet sein.“
Mehr Unterrichtszeit für die Wiederholung des Erlernten
Im Sommer nun verabredeten die niedersächsischen Industrie- und Handelskammern und das Kultusministerium eine bildungspolitische Initiative, die das Mathematik-Problem an der Wurzel packen soll. Die Eckpunkte: mehr Unterrichtszeit für die Wiederholung des Erlernten, ausgedünnte Lehrpläne, mehr Raum fürs Kopfrechnen. Die Wirtschaft verpflichtete sich, verstärkt in die Förderung einzusteigen, etwa in der Nachmittagsbetreuung an den Schulen. Bis dieser Vorstoß Erfolge zeigen kann, werden Jahre vergehen.
Fast drei Jahre allein brauchte das Zustandekommen des Papiers. Keine Zeit der Untätigkeit, wie ein Sprecher des Kultusministeriums betonte. Weiterentwicklung der Lehrerfortbildung und der Lehrpläne, Erhöhung der Schülerpflichtstunden in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern, Start von fachbezogenen Schulversuchen listete er unter anderem als Handlungsnachweise auf. Das nun geschlossene Abkommen sei ein weiterer Baustein.
Carl Langerfeldt, der frühere Vizepräsident der IHK Braunschweig, hatte die Gespräche seinerzeit mit angeschoben. In einem Aufsatz nahm er nun die Schulen in die Pflicht: „Der Schlüssel zum Gelingen liegt jetzt unzweifelhaft bei den Schulleitern und bei denjenigen, die Mathematik unterrichten. Diese müssen für das Vorhaben gewonnen werden und es zu ihrer eigenen Sache machen.“



