Stress-Test: Nulltarif in Bussen und Bahnen?
Braunschweig Braunschweig steht auf der Liste möglicher Modell-Städte mit Nulltarif in Bussen und Bahnen. Nulltarif-Experte Martin Randelhoff warnt davor.
Keine Entwerter mehr in Bussen und Bahnen. Keine Fahrkarten mehr, weil das Fahren kostenlos ist. – Dieser alte Traum hat neues politisches Gewicht bekommen. Es sind die Landespiraten, die Fahren zum Nulltarif in drei Orten Niedersachsens testen lassen wollen.
Die Piratenpartei Braunschweig hat darum auch schon bei der Stadtverwaltung nachgefragt, was das denn hier kosten würde? Rund 26 Millionen Euro, lautete die Antwort. Zuzüglich der rund 17 Millionen, die die Stadt zurzeit zuschießt, um das aktuelle Defizit auszugleichen.
Wir erinnern uns: Als vor rund zehn Jahren die Verluste der Verkehrs-AG bei 34 Millionen Euro lagen, schien das so bedrohlich für den Haushalt der Stadt, dass eine Privatisierung diskutiert wurde. Und nun 43 Millionen Defizit?
Martin Randelhoff glaubt, das werde nicht reichen. Er rechnet grob mit 50 Millionen Euro Kosten jährlich und sagt: „Wenn die Politik den Bürgern ein verlässliches Angebot machen will, dann muss man bereit sein, diese Summe gegebenenfalls auch noch aufzustocken.“
Worte mit Gewicht. Denn Randelhoff gilt als Kapazität in Fragen des ÖPNV-Nulltarifs. Die Piraten hatten ihnen eingeladen, um seine Meinung zu Braunschweig zu hören. Weil Randelhoff nicht der Lobby der Verkehrsverbände angehört, die den Nulltarif kategorisch ablehnt, ist sein Rat als unabhängiger Experte gefragt. Im Gespräch erzählt er, jede Woche in einer anderen Kommune zu referieren. Nächsten Monat wird er in Zürich sein, um die Schweizer in Sachen Nulltarif zu beraten.
Das ist ein ordentliches Pensum für einen 23-Jährigen, der an der TU Dresden demnächst sein Examen als Verkehrswissenschaftler ablegen will. Sein angehäuftes Spezialwissen und die Schlüsse, die er daraus zieht, sind freilich so beeindruckend, dass Randelhoff für seine Internetseite zukunft-mobilitaet am Mittwoch mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde.
Und so präsentiert Randelhoff ellenlange Listen von Städten in Europa und den USA, wo die Bürger zum Nulltarif fahren oder fuhren. Die Erkenntnisse aus Erfolg oder Misserfolg lassen Randelhoff behaupten, dass ein Nulltarif nicht automatisch zum Scheitern verurteilt ist. „Alles Mathematik“, sagt er.
In Braunschweigs Bussen und Bahnen nur die Entwerter abzuschrauben und die Kontrolleure umzuschulen, das sei allerdings eine Idee ohne Zukunft: „Die Zahl der Fahrgäste würde natürlich um etwa 50 Prozent steigen. Es werden allerdings überwiegend Fußgänger und Radfahrer sein, die umsteigen.“ Und das sei ja eigentlich nicht gewollt.
„Alle Studien zeigen, dass der Umstieg der Autofahrer auf Busse und Bahnen nur zu einem sehr geringen Teil von den Fahrtkosten abhängt.“ Das lasse sich ablesen an der Reaktion auf steigende Kraftstoff-Preise: „Es wird zwar gestöhnt und geschimpft. Aber die Zahl der Autos in Braunschweigs Innenstadt hat sich dennoch nicht verringert.“
Denn wenn die Fahrt mit dem Bus zum Arbeitsplatz 10 Minuten länger dauere oder 500 Meter bis zur Bushaltestelle gelaufen werden muss, „greifen die Vorteile eines Nulltarifs nicht mehr. Für den Autofahrer spielt die Länge der Reisezeit zum Ziel eine weit größere Rolle als die Fahrtkosten.“ Das klinge zwar unlogisch, aber es sei nun mal so. „Autofahrer sind in dieser Hinsicht kompliziert.“
Wer dieses Verhalten ändern wolle, „der muss den Autofahrer gängeln: Tempo 30 flächendeckend, mehr Einbahnstraßen Verknappung des Parkplatz-Angebots, drastisch höhere Parkgebühren, City-Maut“. Wer trotzdem mit dem Wagen in die Stadt fahre, der sorge für die Refinanzierung des Nulltarifs.
Die Umsetzung wäre freilich ein höchst sportliches Ziel: „In der Region kommen auf 1000 Einwohner rund 600 Autos. Das ist ein Spitzenwert in Deutschland.“ Es müssten überdurchschnittlich viele „gegängelt“ werden. Und so wäre es „erstaunlich, wenn sich in einer Region, die vom Auto lebt, eine politische Mehrheit für die Konsequenzen finden lässt, die mit dem Nulltarif verbunden sind“.
Doch zurück zu den Fakten, die nach Auffassung von Randelhoff, gegen einen Nulltarif in Braunschweig sprechen.
• Die Auslastung der Busse und Bahnen liegt, so die Verkehrs-AG, zwischen 20 und 30 Prozent. Und somit scheint es, als würde eine Zunahme der Fahrgastzahl um 50 Prozent kein Problem sein.
Doch so sei es nicht, sagt Randelhoff: „Die Verkehrs-AG muss nämlich Sorge dafür tragen, dass auch in der Spitzenstunde alle Fahrgäste mitgenommen werden können.“ Laut Verkehrs-AG ist es die Zeit zwischen 6 und 8.15 Uhr. Dann füllen Berufstätige und Schüler die Busse. Randelhoff sagt: „Steigt zu dieser Zeit die Zahl der Fahrgäste um nur 50 Prozent, müssen zusätzliche Busse gekauft und mehr Personal eingestellt werden.“ Und was richtig teuer werde: „Es müssten natürlich auch zusätzliche Straßenbahnen gekauft werden.“
• Außerdem: Finden während der Spitzenstunde überhaupt alle Busse und Bahnen am Verkehrsknoten Rathaus Platz? Oder stauen sie sich? Was zur Folge hätte, dass umgebaut werden müsste, damit der Fahrplan eingehalten wird.
Genau diese Probleme, erklärt Randelhoff, hätten ihn in seiner Meinung bestärkt: Je höher die Einwohnerzahl ist und je leistungsfähiger das vorhandene System von Bussen und Bahnen, umso schwieriger und teurer wird es, einen Nulltarif anzubieten. „Welches Problem Braunschweig auch hat, um es zu lösen, muss man nicht den Nulltarif einführen. Und egal, welches Ziel man sich auch setzt: Der Nulltarif wäre in Braunschweig mit großem Abstand die teuerste Lösung.“
Reden Sie mit: Hat der Traum vom Nulltarif in Braunschweigs Bussen und Bahnen tatsächlich keine Zukunft?



