Stibiox-Gift – Stadt will im Pappelberg neu messen
Braunschweig Die Stadtverwaltung hat Freitag die Anwohner per Post über die neue Gefahrenlage am Pappelberg informiert und darüber, dass neu gemessen werden soll.
Der Brief geht weiter als die Mitteilung, die Montag im Bezirksrat diskutiert wird. Denn in dem Brief bietet die Stadt Braunschweig den Anwohnern an, ihre Grundstücke „kostenlos“ auf Antimon-Belastungen zu untersuchen.
Das giftige Halbmetall Antimon war jahrzehntelang im benachbarten Stibiox-Werk hergestellt worden. Antimon entwich damals über den Schornstein. Vor 50 Jahren war die Antimon-Schlacke freilich auch ein beliebter, weil billiger Baustoff.
Die Folgen werden erst jetzt gänzlich erkannt. Weil die Schapener giftige Antimonschlacke in ihren Sportplatz eingebaut hatten, wurde die Sanierung kürzlich viel teurer als erwartet.
Bekannt ist auch, dass viele Braunschweiger Landwirte bei Stibiox Antimon-Schlacke holten, um die Feldwege zu befestigen. Aber auch die Pappelberger bedienten sich reichlich. Gerhard Baller, Vorsitzender der 80 Jahre alten Siedlergemeinschaft Pappelberg, berichtet, dass die Mitglieder einst die Straße selbst angelegt hatten. Antimon-Schlacke war Mittel der Wahl.
Als vor zehn Jahren die Sanierung der Straße diskutiert wurde „und feststand, dass praktisch jede Schaufel Boden Sondermüll ist“, so Baller, schienen immense Straßenausbaukosten auf die Pappelberger zuzukommen. Nur weil die EU zeitgleich die Deponie-Preise senkte, sei die Straßensanierung überhaupt finanzierbar geworden.
Dennoch sei er höchst überrascht gewesen, als er im Sommer von der Umweltverwaltung zu einem Gespräch eingeladen wurde. „Alle Vorsichtsmaßnahmen, die wir getroffen hatten, basierten auf einem Gutachten von 1995.“ Weil der Antimon-Staub als größtes Problem betrachtet wurde, schien das Waschen von Obst und Gemüse sowie das Blanchieren von Salat ausreichend zu sein. „Das Umweltamt teilte damals mit, dass nun neue Erkenntnisse vorlägen. Aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes sollte kein Garten-Gemüse mehr gegessen werden“, berichtet Baller. Das sei völlig neu gewesen. Die Pappelberger seien daraufhin „noch vorsichtiger geworden“.
Hintergrund ist, so Dr. Thomas Lenhart von der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Bodenschutz in Mainz: „Es gibt mehrere Pfade, auf denen das Gift den Menschen erreicht. Und natürlich auch über Pflanzen, die das Antimon aus dem Boden aufnehmen.“ Wolle man dies abstellen, könne man ein Nutzungsverbot verhängen.
Baller teilt nicht den Optimismus vom ehemaligen Bezirks-Bürgermeister Jürgen Wendt, dass das Antimon seit den Messungen vor 18 Jahren ausgeschwemmt wurde. „Dann hätten wir ein massives Grundwasser-Problem. Das wir offenbar aber nicht haben.“ Er meint, dass das giftige Halbmetall weiter im Boden ruhe.
Doch das sei alles Spekulation. Er erwarte Messungen nicht vor dem Frühjahr. Anschließend sollten auf Basis neuer Werte gegenüber den Anwohnern neue Handlungsempfehlungen ausgesprochen werden.
Es habe sich viel getan am Pappelberg, sagt der Vereinsvorsitzende. Boden sei ausgetauscht oder aufgeschüttet worden, Hecken gepflanzt und Garagen errichtet worden. Wenn das alles nicht gefruchtet habe, müsse über „weitergehende Forderungen“ beraten werden.
Reden Sie mit: Reicht es, dass die Stadt Braunschweig kostenlose Bodenuntersuchungen anbietet?
