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Braunschweig

Mal sinnlich, mal von Sinnen

Ausstellung in der TU-Bibliothek über ein unerschöpfliches Thema: "Die Stadt"

Harald Duin

"Die Stadt" – ein kühner Titel, den sich Prof. Dr. Dietmar Brandes für seine Ausstellung in der TU-Bibliothek hat einfallen lassen. Kühn insofern, weil man sich dem Thema von hundert Seiten nähern kann und dann immer noch das dumme Gefühl hat, Wichtiges sei noch nicht gesagt.

Die TU-Bibliothek kann bei dieser Ausstellung aus einem Reservoir von über 10 000 Büchern schöpfen. Bei seinem Eröffnungsvortrag ("Die Stadt aus der Sicht der Vegetationsökologie") gönnte Brandes den Besuchern per Lichtbild einen Blick vom Kasyun-Berg auf Damaskus, die wohl älteste permanent besiedelte Stadt der Welt. Damaskus gibt es seit mehr als 5000 Jahren.

Wir bleiben beim Rundgang erst einmal vor jenen Büchern stehen, die die Stadt der Städte behandeln: New York. Der amerikanische Schriftsteller Henry James (1843 – 1916), der immer wieder über die Unterschiede zwischen der europäischen und amerikanischen Gesellschaft nachgedacht hat, schrieb über seine Geburtsstadt: "Wer einmal in New York gelebt hat, dem ist kein anderer Ort mehr gut genug".

Ganz andere Töne schlug der englische Schriftsteller und Maler Wyndham Lewis (1882 - 1957) an. Der Avantgardekünstler, der übrigens die literarische Vorlage für den Hitchcock-Thriller "The man, who knew too much" lieferte, schrieb: "New York ist schließlich dazu da, Geschäfte zu machen; es wurde nicht erbaut, um darin zu leben."

Dass eine Stadt wie N. Y. auch langweilen kann, glaubt man nicht, kommt aber vor. Arno Schmidt, einer der größten deutschen Nachkriegsschriftsteller, schrieb: "Was heißt schon New York? Großstadt ist Großstadt, ich war schon oft genug in Hannover."

Wir finden in dieser Ausstellung einige Autoren, die bei der Betrachtung von Metropolen und Megastädten von Unwohlsein befallen werden. Da präsentiert die Ausstellung unter anderem Jane Jacobs’ Streitschrift aus dem Jahr 1961: "Tod und Leben großer amerikanischer Städte". Sie prangerte vor allem die Zerstörung gewachsener Stadtstrukturen an. Die an die Stelle gesetzten "neuen, ordentlichen" Siedlungen nennt sie "Muster an Langeweile und Uniformität, fest verriegelt gegen jegliche Schwungkraft und Lebendigkeit des Großstadtlebens."

Noch ein Buch, das uns auffiel: Hans Boeschs "Die sinnliche Stadt" (1982). Der Mensch, schreibt Boesch, brauche die Stadt als kleinräumigen Kosmos, "ohne das Finish der im Städtebau sonst so häufig angestrebten ästhetischen und technischen Perfektion". Boesch glaubt, dass nur die nicht fertige Welt, mit Lücken und Freiräumen, Möglichkeiten zur Mitwirkung biete.

Die Ausstellung ist bis zum 25. Januar geöffnet. Begleitend sind Referate geplant: Am 14. November, 19.30 Uhr, spricht Prof. Dr. Manfred Wermuth über "Verkehr als Determinante der Stadtentwicklung".

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Veröffentlicht: 04.11.2002 - 21:35 Uhr
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