Katastrophenwitze und Quantenmusik bei den Nerds
Braunschweig Volles Haus bei der Nerd Nite. Viel Beifall vom gut gemischten Publikum – darunter auch jede Menge junge Frauen. Ist der Nerd etwa sexy geworden?
„Wie bin ich hier bloß reingeraten?“, fragt Eileen Kwiecinski. Die Bürgerpreisträgerin von 2009 ist nervös. Gleich muss sie auf die Bühne, ihren Vortrag über Witze über die Challenger-Katastrophe halten.
Die Raumfähre war 1986 kurz nach dem Start über Florida explodiert. Vorstellung des Themas, Einleitung – die Stimme ist sicher, aber der Lichtpunkt des Laserpointers, mit dem sie auf ihre Präsentation auf der Leinwand deutet, zittert sichtbar.
„Was waren die letzten Worte der einzigen Astronautin der Challenger zu ihrem Mann? Du fütterst den Hund, ich füttere die Fische“. Lachen im Publikum. Die Katastrophenwitze kommen gut an, verleihen der Referentin jenen etwas verschrobenen Charakter, der den „Nerd“ ausmacht. Sie entspannt sich.
Den Anfang dieser vierten „Nerd Nite“, der Nacht der Schlaumeier, im Haus der Wissenschaft, hatte Daniel Lancelle gemacht, der in seinem Vortrag über Hybrid-Raketenantriebe nicht nur Hydroxyl-terminiertes Polybutadien stotterfrei aussprechen konnte, sondern auch „den schönsten Moment im Leben eines Raketen-Nerds“ präsentierte: Zu brachialen Klängen von Rammsteins „Feuer frei“ zeigte er dem erfreuten Publikum das Video eines Brenntests seines Forschungsantriebs, inklusive meterlanger Feuersäule.
Im Anschluss sprach Dr. Siegfried Bocionek, Chefentwickler – in seinen Worten „Obernerd“ – bei Siemens über die Entwicklung des Tablet-Computers und stellte dabei fest: Die eigentlichen Nerds, die Erfinder, werden nicht berühmt. Sie werden Vize-Präsidenten bei Apple, und am Ende war es Apple-Gründer Steve Jobs, der alles erfunden hat.
Nun steht Kwiecinski auf dem Podium. Sie ist die einzige Frau, die heute auftritt. Das passt zum Stereotyp: In der Popkultur sind Nerds gemeinhin männlich, unsportlich, tragen dicke Brillen, lesen Comics und können deutlich besser mit Computern umgehen als mit Frauen.
Die junge Historikerin fällt da aus dem Rahmen. Ihre Schlaumeierei kommt vor allem in der Sprache zum Ausdruck: Da wird „das kulturelle Gedächtnis durch Artefakte konstituiert“ und durch „die Semantik des medialen Diskurses“.
Sowas kann man allerdings auch auf jeder Soziologen-Feier zu hören bekommen. Deutlich abgedrehter ist der abschließende Auftritt von Barnim Schultze. Sein Thema: Die Musik der Elektronensprünge des Wasserstoffatoms.
Nun machen Atome gewöhnlich keine Geräusche. Aber sie senden elektromagnetische Schwingungen aus. Schultze hat die extrem hohen Frequenzen dieser Schwingungen so oft halbiert – um eine Oktave tiefer gesetzt, wie er es ausdrückt – bis sie im hörbaren Bereich liegen.
So weit die physikalische Theorie. Aber: „Ich bin kein Wissenschaftler, ich bin ein einfacher Musikant“, sagt Schultze, und mutiert zum echten Nerd, wenn er anfängt, von Grundtönen, selbst modulierten Klangfeldern und undezimalen Überquarten zu sprechen.
Zur Erklärung: „Das ist ein sogenannter mikrotonaler Intervall. Der bringt den Pfeffer in die Wasserstoffmusik“. Das Lachen im Publikum zeigt, dass niemand ihn versteht.
Wer hätte gedacht, dass an einem Abend, an dem vier Wissenschafts-Schlaumeier ihr skurriles Fachwissen präsentieren, ausgerechnet die Musiktheorie den Laien überfordert? Aber nachdem Schultze die Zuschauer mit seinen Ausführungen über „die harmonische Stimmung des Wasserstoffatoms“, die es ermögliche „die Grundlagen der Quantenphysik zu erlauschen“, neugierig gemacht hat, gibt es nichts mehr zu begreifen: Schultze lässt endlich seine Quantenmusik erklingen.
Das Publikum lauscht andächtig. Sphärische, etwas fremd anmutende Klänge erfüllen die Aula im Haus der Wissenschaft – ein Nerd unter den Musikstilen. Das erntet begeisterten Beifall.
Unsere Leserin Carola Capelle, die zuvor nie von Nerds gehört hatte und durch die Zeitung auf die Veranstaltung aufmerksam wurde, findet ein passendes Fazit: „Auch wenn ich nicht alles verstanden habe, nehme ich doch etwas mit. Ein ausgesprochen interessanter Abend.“



