Junge Wähler an der Urne – Sie wissen sehr wohl, was sie tun
Braunschweig Ein Gespräch mit jungen Wahlberechtigten bei einem (Wahl-)Sonntagsspaziergang durch die Stadt
Es ist klirrend kalt an diesem Wahlsonntag. Der Himmel ist wolkenlos. Kein Schnee, kein Regen, kein Wind. Mit der richtigen Kleidung ausgestattet, tut ein kleiner Spaziergang sicher gut. Zum Bäcker, zum Kiosk oder zum Wahllokal. Dick eingepackt verlasse ich meine Wohnung. Ein bisschen durch Braunschweig spazieren gehen und hoffentlich auf junge Wähler treffen.
Was bewegt junge Leute, wählen zu gehen? Interessiert sie Politik oder herrscht allgemeine Politikverdrossenheit? Gehen sie überhaupt zur Urne? Das Wetter ist jedenfalls keine Ausrede, nicht zur Wahl zu gehen.
So sieht das auch Marianna Weller. Mit Wollschal, dicker Mütze und Handschuhen trotzt sie der Kälte. Sie ist unterwegs Richtung Bültenweg. Zur Schule, in der das Wahllokal eingerichtet ist. Warum geht sie wählen?
„Ich möchte mein Recht als demokratischer Bürger wahrnehmen“, sagt die 26-Jährige. Das klingt sehr vernünftig. Gerade hat sie ihr Biologiestudium beendet. Marianna Weller ist nun Doktorandin, doch um Studiengebühren, wie auf einigen Wahlplakaten thematisiert, geht es ihr nicht. „Ich finde es gut, dass jeder Student seinen Beitrag leistet. Die Studiengebühren sind zum Teil wirklich hilfreich.“
Wichtig sei ihr die Atomkraftdebatte um Gorleben, weil der ganze Müll nicht bei uns vor der Tür lagern solle.
Dasselbe Wahllokal, etwas später. Nikolai Bialuchas kann das erste Mal bei einer Landtagswahl wählen. Der 20-Jährige ist gekommen, weil er keine Studiengebühren mehr will. Dafür gibt er seine Stimme. Wählen sei ihm wichtig, nur so könne sich etwas verändern. Auch seine Freunde hat er motiviert, wählen zu gehen.
Ich ziehe weiter in den Stadtteil Viewegs Garten. Dort treffe ich Dirk Riese. Die Brötchentüte in der Hand, legt er einen kurzen Zwischenstopp im Wahllokal ein. Der 27-Jährige hält nichts von Politik, wählen geht er trotzdem. Für Dirk Riese ist es letztlich nicht so wichtig, welche der großen Parteien das Rennen macht. Bei wichtigen Entscheidungen müssten sich eh alle im Landtag einigen. „Ich will nur nicht, dass die Randparteien über die Fünf-Prozent-Hürde kommen“, erklärt er seine Entscheidung.
Die Zusammenfassung der Wahlprogramme haben ihn kurzfristig umgestimmt. Er teilt seine Erst- und Zweitstimme auf.
Von Politikverdrossenheit ist bis jetzt nichts zu spüren. Marcel Moritz faltet seinen Wahlzettel und wirft ihn in die Urne. Wir sind im Wahllokal 112. Mit seiner Stimme will er gezielt die Partei unterstützen, die seine Anliegen vertritt, auch wenn sie kaum eine Chance habe. „Man braucht Geduld und Vertrauen, Veränderung passiert nicht von heute auf morgen“, sagt Marcel Moritz.
Wahlboykott kommt für den 31-Jährigen nicht infrage. „Bevor ich nicht wählen gehe, würde ich eher ein Riesenkreuz über den ganzen Wahlzettel machen“, sagt er ohne zu zögern. „Denn wer nicht wählen geht, gibt seine Stimme der Partei, die er am wenigsten will.“ Und das sei für ihn die NPD. Mit seiner Stimmabgabe will Marcel Moritz verhindern, dass diese Partei nur den Hauch einer Chance bekommt.
Auf dem Weg zum nächsten Wahllokal treffe ich Selda Kurdal. Sie kommt gerade von einer Wohnungsbesichtigung, fängt bald in Braunschweig an zu arbeiten. Die gebürtige Peinerin war morgens schon wählen. Für die 24-Jährige ist es ein spannender Tag. Sie nimmt das erste Mal an einer Wahl teil.
Die Doktorandin der Medizin ist erst seit einigen Monaten deutsche Staatsbürgerin. „Ich will mich jetzt mehr mit Politik befassen. Ich bin nun in einem Alter, wo mich die politischen Entscheidungen direkt betreffen“, sagt die Tochter türkischer Eltern. Zuvor hat Selda Kurdal den Wahl-O-Mat Fragebogen im Internet ausgefüllt. Genau wie die anderen Befragten auch.
Ob ihre Entscheidungen gemäß der Empfehlungen ausfielen, bleibt das Wahlgeheimnis der jungen Wähler.
