Im Kanzlerfeld brodelt es weiter
Braunschweig Bürgerinitiative will Neubau des Einkaufszentrums verhindern und lädt für Montag zum zweiten Info-Abend ein – Supermarkt-Chef will dabei sein
KANZLERFELD. Wie geht es weiter mit dem Einkaufszentrum (EKZ) im Stadtteil Kanzlerfeld? Für Montagabend, 5. November, 19 Uhr, lädt die Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt des EKZ stark macht, zu einer zweiten Bürgerinformation ins Wichernhaus ein.
Auch Kaufmann Otto Görge will dabei sein. Die Bürgerinitiative (BI) will verhindern, dass der seit April 2005 im Einkaufszentrum an der Bundesallee ansässige Görge-Supermarkt auf die andere Straßenseite zieht und dort auf einer parkähnlich bewachsenen Wiese mit Bolzplatz ein Neubau hochgezogen wird.
Die BI findet, dass die Erweiterungsmöglichkeiten für den Lebensmittelmarkt am bisherigen Standort ausreichen müssten. 920 Unterschriften hatte sie für den Erhalt des EKZ gesammelt.
Appell an die Fraktionen im Rat der Stadt
Außerdem wurden die Ratsfraktionen gebeten, dem Görge-Vorhaben nicht zuzustimmen. Um endgültig grünes Licht zu geben, muss der Bebauungsplan geändert werden. Die Bürgerinitiative sieht hier den geeigneten Hebel, dem Supermarkt-Neubau mit Hilfe der Ratsparteien noch einen Riegel vorzuschieben.
Die Politik hatte indes den Weg für eine Umwidmung der Grünfläche von einer Kindergarten-Vorbehaltefläche zum Areal für den Bau eines Lebensmittelmarktes bereits vor einiger Zeit frei gemacht – in öffentlicher Sitzung. Die meisten Anwohner des Kanzlerfelds hatten das zunächst nicht wahrgenommen.
Jetzt hat sich die Bürgerinitiative in einem offenen Brief an Otto Görge als Geschäftsführer von zehn Edeka-Märkten gewandt und ihn zum Verzicht auf einen Neubau aufgefordert.
Dabei wird indirekt mit einem Boykott gedroht: „Konkurrenzangebote gibt es für die Kanzlerfelder stadteinwärts und stadtauswärts Richtung Watenbüttel im Überfluss“, schreibt BI-Sprecherin Anne Lenhardt. Der Brief ist in wesentlichen Auszügen im Internet auf der Seite unserer Zeitung nachzulesen.
Otto Görge zeigte sich erstaunt über die Aussagen in dem Brief. „Ich habe mich vor einigen Wochen mit Vertretern der Bürgerinitiative und der Fraktionen im Bezirksrat getroffen und meine Pläne und Gründe erklärt. Ich hatte eigentlich das Gefühl, dass ich in dem Gespräch wesentliche Befürchtungen zerstreuen konnte“, sagte der Geschäftsführer.
Außerdem habe er jüngst an zwei Samstagen in seiner Filiale im Kanzlerfeld gestanden und mit Kunden gesprochen. „Dabei hat sich ein anderes Bild ergeben, als es die Bürgerinitiative zeichnet.“
„Sinnvolle Erweiterung ist nicht möglich“
Er argumentiert: „Ich habe mir das Einkaufszentrum mit seinen besetzten und leerstehenden Flächen angeschaut und bin überzeugt, dass eine sinnvolle Erweiterung für einen Vollsortimenter nicht möglich ist.“ Dabei führt er bauliche Gegebenheiten an. Die Bürgerinitiative entgegnet ihm, nicht alle Möglichkeiten geprüft zu haben.
Görge erklärt indes, bei den Neubau-Planungen mit zahlreichen Veränderungen auf Anwohnerwünsche reagiert zu haben. Die Liste haben wir auch im Internet veröffentlicht. Die hinter dem Gelände wohnenden Kanzlerfelder würden künftig sogar weniger durch Autolärm belastet als jetzt durch Verkehr auf der Bundesallee, meint der Kaufmann. Überdies seien 1200 und nicht 1500 Quadratmeter Verkaufsfläche geplant.
Er habe der Bürgerinitiative nochmals versichert, dafür zu sorgen, dass sein Laden im Einkaufszentrum nicht leer stehen werde.
Eine der Hauptsorgen der Bürgerinitiative ist, dass das EKZ durch zunehmende Leerstände schnell an Attraktivität verliere. Görge will einen Drogeriemarktbetreiber als Nachmieter finden oder selbst eine Weinhandlung eröffnen.
Er hofft auf ein schnelles Signal der Verwaltung, die den von der Firma Kanada-Bau eingereichten Vorhaben- und Erschließungsplan vermutlich nicht zuletzt wegen der Forderungen der Bürgerinitiative zunächst auf Eis gelegt hatte. Kanada-Bau ist Investor des geplanten Görge-Marktes. Ziel des Supermarkt-Chefs ist, den Neubau an der Bundesallee Ende 2013 oder Anfang 2014 zu eröffnen. Das sei ihm wichtig, weil sich die Supermarktlandschaft in der Stadt Ende 2014 grundsätzlich verändern werde.
Derzeit sieht es so aus, als würden dann zwei große Märkte auf dem Brawo-Gelände am Bahnhof sowie auf dem derzeitigen Gelände des Pressehauses an der Hamburger Straße mit insgesamt 10 000 Quadratmetern Verkaufsfläche eröffnen.
Diese Änderungen gegenüber ursprünglichen Plänen hat Kaufmann Otto Görge den Anwohnern der möglichen neuen Fläche zugesagt:
•Der Bau soll die Höhe umgebender Einfamilienhäuser nicht übersteigen.
•Anlieferungen gibt es nur tagsüber ab 7 Uhr und nicht nachts.
•Ziel ist, die anliefernden Lastwagen von der Bundesallee und nicht rückwärts von der Stauffenbergstraße aus auf das Gelände fahren zu lassen. Dazu wird eine Vereinbarung mit Stadt und Politik angestrebt.
•Das Ausladen der Lastwagen erfolgt in einer Art Tunnel.
•Das Gelände wird mit ausreichend dimensionierten Bäumen bepflanzt.
•Zwischen Parkplätzen und Wohnbebauung wird eine zu begrünende, 180 Zentimeter hohe Mauer gebaut. Der Schallschutz wird durch einen nach innen geneigten Aufsatz verstärkt.
•Auf eine den Markt überragende Säule mit Edeka-Symbol kann verzichtet werden.
Das schreibt die Bürgerinitiative an Otto Görge:
Auszüge aus einem Brief von Anne Lenhardt, Anwohnerin im Stadtteil Kanzlerfeld und treibende Kraft in der Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt des Einkaufszentrums und gegen den Neubau auf einer parkähnlichen Wiese einsetzt. Die Bürgerinitiative nennt sich jetzt „Stadtteilmittelpunkt Kanzlerfeld“.
Sehr geehrter Herr Görge,
unsere Bürgerinitiative schätzt die bestehende Nahversorgung im Kanzlerfeld und Ihren Anteil daran sehr positiv ein. […] Dass Sie eine Angebotserweiterung in relativ unterdimensionierten Bereichen […] anstreben, ist uns als Kunden verständlich.
Dass die Erweiterungsmöglichkeiten des bestehenden Einkaufszentrums dafür nicht ausreichen sollen, können wir allerdings nicht nachvollziehen.[…]
Wir als Ihre Kunden benötigen keine weitergehenden Verkaufsangebote wie z.B. Frischfisch oder die Erweiterung des Weinsortiments.[…] Vielleicht lässt sich ja Verkaufsfläche sogar einsparen, wenn man darauf verzichtet, neben Braunschweiger Spargel auch solchen aus Peru anzubieten.[…].
Unsere Bürgerinitiative ist mit der Unterschriftensammlung zugunsten der Nahversorgung im Stadtteilmittelpunkt auf sehr positive Resonanz gestoßen.[…] Ebenso eindeutig wird das geplante Neubauprojekt mehrheitlich von den angesprochenen Bürgern abgelehnt.
Die Grünfläche ist den Kanzlerfeldern als Bolzplatz und „Grüne Lunge“ sehr wertvoll. Als möglicher Standort eines Supermarktneubaus ist das Grundstück jedoch vollkommen ungeeignet.[…] In Ihrer Verantwortung liegt der Umgang mit Ihren Kunden.
Ohne Kundenakzeptanz kann ein Nahversorger kaum erfolgreich sein. Konkurrenzangebote gibt es für die Kanzlerfelder stadteinwärts und stadtauswärts Richtung Watenbüttel im Überfluss.[…]
Ein Neubauvorhaben auf der grünen Wiese (Anm. der Red.: Gemeint ist die Grünfläche an der Ecke Bundesallee/Stauffenbergstraße) werden wir demgegenüber mit allen uns zur Verfügung stehenden - auch rechtlichen - Mitteln zu verhindern suchen.[…]


