Gute Geschichten gegen die Kälte
Braunschweig Beim ersten Braunschweiger Vorlesetag lasen rund 150 Vorleser an über 90 Orten.
Eine Stadt ist jeden Tag voller Geschichten. Dass aber eine Stadt einen ganzen Tag dem Vorlesen von Geschichten widmet, hat es in Braunschweig bisher nicht gegeben. Beim ersten Vorlesetag, der auf Initiative der Bürgerstiftung stattfand, wurde am Freitag an über 90 Orten gelesen und zugehört.
Die Braunschweiger Verkehrs-AG hatte sich einen besonderen Ort zum Vorlesen ausgesucht: In der Oldie-Tram drehte sich alles um das Thema Reisen. Zwischen Rathaus, Hauptbahnhof und Radeklint konnten sich die Zuhörer an fremde Orte träumen. Manfred List von der Bürgerstiftung las aus „Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee“ von Erich Kästner. „Es geht um einen Jungen, der mit seinem Onkel eine fiktive Reise in die Südsee unternimmt. Sich so eine Geschichte vorzustellen erfordert Fantasie“, sagte List. Fantasie, die die Schüler Sunny und Lucas offenbar mitbrachten. Die 10-Jährigen stiegen am Rathaus spontan in die Oldie-Tram und hörten sich Konrads Geschichte an. „Das Buch ist spannend mit lustigen Figuren“, sagte Sunny. „Ich würde es gerne mal ganz lesen.“
Dass man auch ohne sehen zu können wunderbar vorlesen kann, zeigte Michaela Barnsdorf in der Buchhandlung Graff. Die blinde 62-Jährige ertastete Kurt Tucholskys „Die Kunst falsch zu reisen“ in Blindenschrift. „Ich gebe Punktschrift-Unterricht und lese meinen Schülern häufiger vor“, sagte Barnsdorf. „Aufs Lesen und Schreiben könnte ich auf keinen Fall verzichten. Natürlich muss man viel üben, um die Schrift lesen zu können, aber Lesen ist ja immer Übungssache.“
Gleich in vier Sprachen wurde am Vormittag in der Stadtbibliothek vorgelesen. Dort gab es einen besonderen Grund zur Freude, denn das Projekt „Mehrsprachiges Lesen“, das die Bürgerstiftung in Kooperation mit der Stadtbibliothek ins Leben gerufen hat, wurde von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ als herausragende Bildungsidee ausgezeichnet. Einmal im Monat gibt es in der Bibliothek eine Lesestunde, bei der Lesepaten Kinderbücher in zwei Sprachen vorlesen.
Den Burgplatz besuchten trotz kuscheliger Decken und Kerzenbeleuchtung nur wenige Zuhörer. Mit Blick auf den Braunschweiger Löwen lasen Mitglieder der Bürgerstiftung dort Löwengeschichten vor.
Auch Ulf Hamster wartete in der Hauptwache der Feuerwehr vergeblich auf Zuhörer. Und das obwohl sich der Feuerwehrmann mit „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson einen Klassiker zum Lesen ausgesucht hatte. „Es ist wichtig, Kindern vorzulesen, damit sie auf den Geschmack kommen und ihren Kopf selbst anstrengen“, sagte er.
Bettina Krause, die den Vorlesetag bei der Bürgerstiftung mitorganisiert hatte, sieht den Tag trotzdem als Erfolg. „Man muss so etwas mal anfangen“, sagte sie. „Wir sehen jetzt, was wir im nächsten Jahr besser machen können.

