Gegner der Straßenbahn durch Volkmarode formieren sich
Braunschweig Keine Ruhe in Volkmarode. Die Debatte über eine Straßenbahn-Trasse durch den Ort sorgt dafür, dass sich die Gegner formieren.
Henning Günzler macht keinen Hehl daraus, dass ihm die ganz Richtung der Diskussion nicht passt. Von einem stadtweiten Bürgerentscheid will er nichts wissen. Der gebürtige Volkmaroder, der in zweiter Generation eine Apotheke an der Berliner Heerstraße betreibt, hat darum eine Unterschriften-Sammlung auf den Weg gebracht. Natürlich gegen die Straßenbahn.
Binnen zwei Wochen erzählt er, seien 500 Unterschriften allein bei ihm gesammelt worden. Weitere Listen liegen bei benachbarten Ärzten sowie in Volkmarodes Tankstelle und im Kiosk des Ortes aus. Ende der Woche, kündigte Günzler an, sollen die Listen an die Ratsfraktionen von SPD und Grünen gehen. Damit die Straßenbahn-Pläne überdacht werden.
Ob es helfen wird? Der Apotheker zuckt ratlos die Schultern: „Wenn die Politik einmal in Position gegangen ist, dann gibt sie normalerweise keinen Handbreit Boden auf. Politik kennt keinen Irrtum.“
Doch dass der Straßenbahn-Plan ein „riesiger Irrtum“ ist, davon ist Günzler felsenfest überzeugt: „Wenn die Straßenbahn schließlich fährt, werden alle Geschäfte entlang der Berliner Heerstraße verschwunden sein. Zwei Jahre Bauzeit halten wir nicht durch.“ Bei der Hälfte seiner Kunden handele es sich um Laufkundschaft. „Selbst wenn während der Bauzeit die Berliner Heerstraße einspurig befahrbar bleiben sollte – die Einbußen werden existenzbedrohend sein.“
Diese Bedenken teilt Andreas Rix. In seinem Kiosk sind mittlerweile 100 Unterschriften gesammelt worden. Rix meint: „Einfach anzukündigen, dass eine Straßenbahn gebaut wird und dann loszubauen, das geht nicht.“ Rix ist ein Gegner, „weil niemand weiß, ob es nach Ende der Bauarbeiten wieder besser wird.“ Das unterscheide die Berliner Heerstraße von der Fallersleber Straße. „Was ist mit den Parkplätzen, wenn die Straßenbahn fährt? Wo werden meine Kunden parken?“ Parkplätze habe er in den bisherigen Plänen keine entdecken können.
Für Rix heißt das: „Ich soll Teile meines Gartens an die Stadt verkaufen, damit die Straßenbahn-Trasse überhaupt gebaut werden kann. Während der Bauarbeiten werden mir 80 Prozent der Einnahmen fehlen, und fährt am Ende die Bahn, fehlen die Parkplätze, auf denen Kunden parken könnten.“
Mit Wolfgang Kiehne ist das nicht zu machen. Der 86-Jährige ist stolz darauf zu sagen: „Ich bin seit 50 Jahren Gegner der Straßenbahn-Trasse durch Volkmarode.“ Unzählige Gespräche habe er mit der Bauverwaltung geführt: „Und ich habe nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich keinen Quadratmeter für den Straßenbahn-Bau abgeben werde.“
Kiehne gehört zu den 35 Anliegern in Volkmarode, die Land verkaufen müssten, damit die Straßenbahn Platz hat. „Die Trasse wird dann aber so nahe an die Häuser heranrücken, dass die Kaffeetassen im Schrank klirren, wenn die Bahn vorbeifährt. Am Ende werden die Häuserwände reißen.“ Kiehne kündigt an: „Ich werde mich über alle Gerichtsinstanzen gegen eine Enteignung wehren.“
Was ist los in Volkmarode? Dass jeder Plan Gegner hat, ist klar. Doch als im vergangenen Frühjahr Hans-Georg Backhoff in seiner Stadtteilzeitung die Volkmaroder um ihre Meinung zur Straßenbahn gebeten hatte, „da waren 67 Prozent dafür und 33 Prozent dagegen“.
Bei rund 200 Antworten kann man gewiss nicht von einer repräsentativen Umfrage sprechen. Doch Backhof, der CDU-Bezirksratsmitglied ist und die Umfrage auch im Auftrag der CDU gestartet hat, ist sicher: „So war die Stimmung im Frühjahr 2012 in Volkmarode.“ Aber die Stimmung habe sich gedreht.
Zu den Gründen meint Backhoff: „Als im vergangenen September die Verkehrs-AG darüber informierte, dass der Trassenbau nicht wirtschaftlich ist, haben viele Volkmaroder ihre Meinung überdacht.“ Natürlich nicht alle: „Selbst in der CDU meinen manche, dass die Trasse gebaut werden sollte.“
Apotheker Günzel ist sich sicher, „dass die Befürworter mittlerweile eine geringe Minderheit in Volkmarode bilden – selbst im Neubau-Gebiet.“ Darum kursierten auch dort Unterschriften-Listen gegen die Trasse. Denn Jahrzehnte liege es zurück, dass die Straßenbahn-Trasse versprochen wurde. Heute, sagt Günzel, „wollen die meisten Bewohner des einstigen Neubaugebiets nicht die Bahn, sondern ihre Ruhe“.



