"Elite" war bei Bildung jahrzehntelang tabu
Symposium mit Fachvorträgen und Podiumsdiskussion
Begabtenförderung zum Wohle einzelner oder doch der ganzen Gesellschaft? Jahrzehntelang war das Wort "Elite" im deutschen Bildungssystem tabu. Erst seit der Pisa-Studie wurde die Diskussion über Hochbegabtenförderung in Deutschland auf breiter Ebene neu entfacht. Landesmuseum und Fortbildungszentrum für Mathematiklehrer (Mathe-Lok) an der Technischen Universität (TU) Braunschweig stellten in einem zweitägigen öffentlichen Symposium die Frage nach der "Begabtenförderung heute".
Fachvorträge am Sonntag in der TU waren nur mäßig besucht. "Aus Braunschweig waren nur Vertreter von zwei Schulen dabei", bedauerte Organisator Professor Thomas Sonar, Leiter des Mathe-Lok an der TU. "Die meisten Zuhörer kamen von außerhalb", wunderte er sich.
Einig waren sich alle Experten darin, dass es kein "Label für Hochbegabte geben dürfe", denn das würde sich für lernstarke Kinder nachteilig auswirken. Professor Albert Ziegler aus Ulm, der sich als Psychologe mit der Frage der Umsetzung von Begabungen befasst, lenkte die Diskussion bereits mit seinen Eingangsstatement in eine Richtung: "Wer schon etwas kann, lernt leichter." Aufbauend auf diese Aussage bemerkte Ursula Hellert von der Christophorusschule, dass Konzepte für die Förderung Hochbegabter letztlich "allen Schülern zugute kommen" würden.
Chance für Grundschulen und -schüler sah Germaid Rau, Leiterin der Grundschule Heinrichstraße. Ihre Idee: "Stärkere helfen Schwächeren und lernen dabei schon früh, ihre Kenntnisse zum Wohle anderer einzubringen." Die Schwächeren wiederum profitierten von den gleichaltrigen Vorbildern – "sofern der Konkurrenzgedanke beiseite geschoben und durch den Solidaritätsgedanken ersetzt würde", merkte Gerhard Thamm van Balen, Leiter des Wilhelm-Gymnasiums, an.
Auch gesellschaftliche und politische Bildungsaspekte wurden angesprochen. "Viele Lehrer führen ihren Beruf leidenschaftlich aus. Aber um etwas zu erreichen, brauchen wir ein unterstützendes System", so Hellert. Kritik an der Lehrerausbildung übte Ziegler: "Pädagogische Ausbildung kommt zu kurz, dafür wird unter Druck Fachwissen gelehrt, dass man sich auch später selbst aneignen könnte." Museumsdirektor Dr. Gerd Biegel, der die Veranstaltung mit organisiert hatte, kritisierte auch die Lehrkräfte: "Lehrer können keine höhere gesellschaftliche Anerkennung verlangen, wenn sie diese nicht auch herausfordern", provozierte er.
