Egon-Erwin Kisch und der Film im Kopf
Braunschweig Offen gesagt: Der Lokalchef unserer Redaktion schreibt Klartext und lädt zur Diskussion ein.
Wenn am 16. November der von der Bürgerstiftung vorangetriebene 1. Braunschweiger Vorlesetag sein Publikum anlockt, muss natürlich auch der Journalismus vertreten sein. Überall wird vorgelesen, in Museen, Kirchen, Banken, Geschäften, Buchhandlungen, Bibliotheken. Sogar im Einkaufszentrum und im Abwasserkanal, wie meine Kollegin Bettina Habermann schrieb. Wir sind alle Vorleser.
Eine tolle Aktion. Am 16. November wird etwas gefeiert, das man wirklich gar nicht hoch genug bewerten kann. Es ist nicht nur das Lesen – und damit verbunden ganz überwiegend das Buch und die Zeitung, wenngleich das Vorlesen mit E-Book und I-Pad natürlich auch funktioniert. Aber natürlich ist das nicht das gleiche. Worum es jedoch in der Hauptsache geht, das ist der Film im Kopf, den vor allem das Vorlesen besonders intensiv auslöst. Das ist etwas anderes als fertige prächtige Bilder, die vorproduziert und von draußen ins Hirn eingepflanzt werden. Der Film, von dem hier die Rede ist, entsteht beim Vorlesen in jedem selbst. Es sind unvergessliche Bilder, die manchmal jahrzehntelang in uns bleiben.
Im Grunde genommen ist das der Mechanismus der Reportage. In ihr nimmt der Journalist den Leser mit und lässt ihn sich ein eigenes Bild machen. Sprachlich ist das überaus anspruchsvoll und schwierig – und kaum jemand konnte das besser vormachen als die Legende Egon-Erwin Kisch (1895 - 1948), der das Bild vom rasenden Reporter prägte. Von Kisch können wir lernen, wie ein Journalist erzählt, wie er akribisch recherchiert und schöne, spannende, aussagekräftige Wörter sammelt und zu einem packenden Stoff aneinanderreiht. Selbst alltägliche Dinge, gar nicht die großen Sensationen, fesseln da und lösen einen Film im Kopf aus. Wenn Kisch an Bord eines Fischkutters das Öffnen des Netzes schildert, prasselt uns der Fang förmlich um die Ohren. Wenn er vor brennenden Mühlen steht, meinen wir das Feuer zu riechen und seine Wärme im Gesicht zu spüren. Ich lese gern am 16. November meine Lieblingspassagen von Egon Erwin Kisch vor. Hat jemand einen Vorschlag, wo wir das am besten gemeinsam tun sollten?
Alle Informationen zum Vorlesetag gibt es hier:
www.vorlesetag-braunschweig.de

