Die stille Revolution im Internet
Braunschweig Die ehemalige Technologie-Redakteurin Mercedes Bunz sprach in Braunschweig über ihr neues Buch.
„Clip-Schule“, so heißt das vom Schriftsteller Thomas Meinecke erdachte Format. Regelmäßig lädt der in Bayern lebende Autor Kolleginnen und Bekannte nach Braunschweig. Am Dienstagabend plauderte Meinecke mit Mercedes Bunz im Roten Saal des Schlosses über Mode-Werbung, Katzen und Blues anhand von YouTube-Filmen. Mercedes Bunz lebt in London, war Technologie-Redakteurin des Guardian und veröffentlicht in dieser Woche ihr drittes Buch „Die stille Revolution“.
Sie haben vor 15 Jahren in Berlin das Magazin De:Bug mitgegründet und damit erstmals den Begriff „Elektronische Lebensaspekte“ in den Untertitel einer Veröffentlichung gehievt. Waren Sie an diesen Aspekten des Lebens selbst schon früh interessiert?
Irgendwie schon. Ich war schon immer fasziniert vom Computer. Noch als ich in der Schule war, habe ich programmieren gelernt und hatte auch so ein Buch „Basic lernen mit Sherlock Holmes“ (lacht). Technik fand ich immer schon spannend. Ich habe sie auch nie als das Andere der Kultur betrachtet. Das wirkt dann fort bis hin zu den „elektronischen Lebensaspekten“...
…oder zur „Geschichte des Internets“, über die Sie promoviert haben. Hat Sie an der Entwicklung des Internets etwas besonders erstaunt?
Aus der Popkultur ist man gewöhnt, dass nach der Aufregung die Stabilität kommt. Mittlerweile haben wir den Browser seit 15 Jahren und schon länger. Doch immer wieder unterbricht sich die Geschichte des Internets. Das finde ich faszinierend.
Sie unterbricht sich?
Ja. Neue Meldungen zeigen, dass die Umsätze von Google und Microsoft drastisch eingebrochen sind, weil die Unternehmen nicht wissen, wie sie mobil Werbung machen können. Das Netz hat seinen eigenen Kopf.
Ihr Buch „Die stille Revolution“ erscheint diese Woche. Am Wochenende haben Sie in der Süddeutschen Zeitung die These vertreten, wonach Algorithmen eine Revolution entfacht haben, wir uns dessen aber noch nicht bewusst sind.
Ja, wenn Sie das so formulieren, dann ist das eine Kernthese des Buches. Was ich seltsam finde: Die Industrielle Revolution hat für Visionen gesorgt. Für Kommunismus und Sozialismus etwa, auch für Maschinenstürmerei. Die digitale Revolution vollzieht sich viel schneller als noch die Industrielle Revolution. Und doch erwarten wir von ihr nichts. Das Einzige was wir tun, ist, die Entwicklung abzuwehren. Diese Haltung stört mich.
Es muss doch da irgendwo einen Bruch geben. In der frühen Internetgeschichte gab es diesen utopisch motivierten Aktivismus…
Ja, zum Beispiel die kalifornische Ideologie oder die digitalen Stadtbewegungen wie Internationale Stadt aus den frühen 1990er Jahren. Die sind verschwunden. Es hat sich von dort an kontinuierlich weiter bewegt. Mit dem Browser wurde das Internet zum Massenmedium. So kamen Portale auf, etwa aol.com oder yahoo.com. Dann kam das Web 2.0. Von da an konnte sich die Masse selbst in das Netz reinschreiben. Und jetzt, durch das mobile Web, ist das Internet ständig präsent. Es ist Teil der alltäglichen Lebenswelt geworden. Das ist der größte Schritt. Mein Buch heißt bewusst „Die stille Revolution“: Denn „Revolution“ bedeutet, die Entwicklung hat einen Zielpunkt.
Der zentrale Begriff Ihres Buches ist der „Algorithmus“. Wie benutzen Sie den?
Mir geht es um die Kulturtechnik. Wenn ich sehen möchte, welche Auswirkung die Dampfeisenbahn auf die Gesellschaft hatte, hilft es nicht, mit jemandem zu reden, der eine Dampfeisenbahn verstehen und reparieren kann. Dass mit der Dampfeisenbahn die Idee vom „Pauschalurlaub“ entstanden ist, da kann mir kein Ingenieur weiter helfen. Es gibt also eine große Lücke zwischen Technik und Kulturtechnik, einen Bruch zwischen der Art, in der die Gesellschaft Technik nutzt und in welchen sozialen Kontext die Technik fällt. Dieser Kontext macht unterschiedliche Sachen mit ihr. Ich glaube schon, dass jede Technik mit einer eigenen Geste kommt, die wir nicht stoppen können. Aber wir können sie gestalten.
