Die schillernde Spitze des Eisbergs
2010-06-10T22:00:00+0200Der Künstler Arend Zwicker setzt ein Sechs-Tonnen-Kunstwerk in den Teich des Kiryat-Tivon-Parks
Ein bisschen wie Camping-Urlaub. Bernhard Schmidt und seine drei Tischlerkollegen aus Dresden haben sich häuslich im Kiryat-Tivon-Park niedergelassen. Seit einer Woche wohnen sie im Zelt – abgeschirmt von einigen Metern blickdichtem Bauzaun. Das Kulturinstitut hat Feldbetten organisiert; auf dem Klapptischchen eine Kaffeemaschine und eine Megadose Linsensuppe mit Würstchen. Der Boden ist feucht von den beiden Gewittern der letzten Nacht. Die leere Kiste Wolters Pilsener mahnt, dass irgendeiner heute noch vor dem Feierabend los muss, um Nachschub zu holen.
Das Handwerker-Quartett schiebt vor seinem Zeltlager Wache für das angehende Lichtparcours-Objekt "8,33 Prozent" von Arend Zwicker. Das liegt fast vollendet im Teich vor Anker. Heute soll es in die Mitte des Gewässers gezogen werden. Drei Stahlseile, festgemacht am Ufer, werden das schwimmende Spiegel-Objekt halten.
Keines der spiegelnden Dreiecke gleicht einander
Noch ist der Blick ins Innere möglich. Ein unregelmäßiger Grundriss von etwa 9 mal 10 Metern. Lauter Schrägen und Spitzen. Wie Mikado-Stäbe stützen Holzbohlen kreuz und quer die Konstruktion. Eine statische Meisterleistung. "So etwas haben wir in dieser Größenordnung und auf Wasser noch nie gebaut", erklärt uns Tischler Schmidt und seufzt: "Kein einziger rechter Winkel. Alles Dreiecke – und keines wie das andere."
Der Tischler hat mit seinem Team bereits Kulissen für die Semper-Oper gebaut und ist damit Spezialist für kniffelige Sonderaufgaben. Er war der einzige bundesweit, der sich herangetraut hat an diese Aufgabe.
Maximal 13 Tonnen Gewicht können die Schwimmkörper für das Objekt tragen. Allein die dachstuhlartige Konstruktion für die Spiegel wiegt 3 Tonnen. Gesamtgewicht des Aufbaus: 6 Tonnen. 70 unterschiedliche Dreiecke werden verbaut. Eine besondere Tücke: "Der Sponsor will das Kunstwerk nach dem Lichtparcours an anderer Stelle wieder aufbauen, und so mussten wir verschiedene Module bauen, die sich wieder zusammensetzen lassen", erklärt Zwicker.
Dank eines Drehgelenks unter den Pontons wird sich das Objekt im Wind drehen können. Schon der kleinste Hauch setzt es in Bewegung. "Das Objekt soll schon bei Tageslicht und nicht nur in der Nacht wirken", betont der Künstler, und so hat er das "Leuchtmittel Sonne" genutzt. Am Tage wird es gleißend strahlen und blitzen; in der Dämmerung werden sich unmerklich sechs Scheinwerfer zuschalten und für Reflexions-Effekte sorgen.
Kunst für Leute, die sonst nichts damit am Hut haben
"Wenn schon Kunst im öffentlichen Raum, dann muss sie auch allen etwas geben", meint Zwicker. Das Objekt solle auch Menschen gefallen, die sonst nichts mit Kunst am Hut haben. "Monumentaler Minimalismus", nennt er das, was er da macht und grinst dabei ganz frech.
Und während die Tischler und der Künstler ein Päuschen machen und ein zweites Frühstück vor ihrem Zelt einnehmen, werkeln wenige Meter entfernt nahe der Konrad-Adenauer-Straße die Brunnenbauer an Jeppe Heins Wasserkunstwerk "Appearing Rooms". Die Wasserleitung muss vom Hydranten mittels einer kleinen Metallbrücke über die Straße geführt werden. Die Handwerker haben bereits das Becken angelegt, aus dem die Fontänen gespeist werden sollen. Wer später die Fläche betritt, wird sich zwischen Wasserwänden wiederfinden, die ein Labyrinth bilden.
Auch der Portikus-Teich im Bürgerpark kündet von der nahen Eröffnung des Lichtparcours. Dort schwimmen bereits etliche Kugelfender und Signallichter, die später auf dem Wasser einen leuchtenden Stadtplan bilden werden.


