Das war Waggums Stadtteilabend
Braunschweig Ob Schützenverein, Chöre oder Feuerwehr, ob Förderverein Freibad oder Bürgerinitiative – „BZ bei uns“ versammelte alle und sparte kein Thema aus.
Ein würdiger Veranstaltungsort, ein begeisternder und engagierter Gastgeber. Konstantin Dedekind, Pfarrer für Waggum und Bevenrode, begrüßte und verabschiedete die Gäste des Stadtteilabends „BZ bei uns“ in „seiner“ Waggumer Kirche St. Petri Johannis. Am Anfang und Ende stand ein „geistlicher Impuls“ auf dem Ablaufplan für den Abend.
Henning Noske, Leiter der BZ-Lokalredaktion, kam als Moderator erst danach an die Reihe. So war es geplant, und das machte Sinn.
Noske gestand Dedekind: „Nach ihren Worten bin ich wirklich bewegt.“ Wie es Geistliche zwar oft schaffen, was aber natürlich nicht selbstverständlich ist und nicht in jedem Fall gelingt: Der Impuls, den sich der Pfarrer vorgenommen hatte, blieb nicht ohne Wirkung.
Konstantin Dedekind begründete, warum die Kirche nicht nur als größter Versammlungsraum in Waggum ein passender Ort für den BZ-Stadtteilabend sei. „Seit 1882 steht dieses Kirchenschiff und hat einiges mitgemacht an der Seite der Waggumer. Krieg. Zerstörung, Wiederaufbau. Taufe, Trauungen, Trauerfeiern“, zählte er auf.
Und fuhr fort: „Die ganze Widersprüchlichkeit und Spannbreite des Lebens hat hier Raum. Welcher Ort wäre also besser geeignet darzustellen, was Waggum lebendig und schön macht – und gleichzeitig nicht zu verschweigen, was belastet und wo der Schuh drückt?“
Dem Kirchenraum angemessen war das Programm des Abends diesmal weniger laut, weniger sportlich, auch weniger sexy. Die Aerobic-Gruppe des Sportvereins Grün-Weiß Waggum tanzte zur Musik aus „Sister Act“ in Nonnenkostümen. Mädchen in knappen Kostümen traten diesmal nicht auf. Der Schützenverein verzichtete – anders als zuletzt in Völkenrode – in der Kirche auf eine Vorführung, stand aber für ein Interview bereit.
Und die Freiwillige Feuerwehr führte typische Ausrüstungen vor. Nicht nur bei Feuer tritt die Ortswehr an, auch bei Naturkatastrophen steht sie ihren Mann - und bei zwei weiblichen Mitgliedern auch ihre Frau.
Die musikalischen Darsteller profitierten von der guten Akustik in der Kirche. Die Spielschar Waggum, einst entstanden aus musikbegeisterten Grundschülern und einem Lehrer, hat 100 Mitglieder jeden Alters.
Viele Schüler waren allerdings diesmal nicht dabei – ein Zirkus-Projekt in der Grundschule hatte Priorität. Die Gruppe bestand folglich aus Frauen, die Flöte, Streichinstrumente – und schließlich mit Hörnchen musizierten. Diese seltenen Instrumente wurden ähnlich wie Flöten gespielt.
Drei Gesprächsrunden und einige Einzelinterviews, jeweils geleitet von Henning Noske, ergänzten die musikalischen Darbietungen, die auf dieser Doppelseite alle mit Fotos ihren Platz finden.
Pfarrer Dedekind beendete – nur 20 Minuten nach der geplanten Zeit – die Veranstaltung passend zu dem, was die Waggumer in den vergangenen zehn Jahren, aktuell und auch in Zukunft noch bewegt. Dabei präsentierte er ein Gemälde, das ihm der Waggumer Maler Wolfgang Hau tags zuvor überreicht hatte, um es für einen guten Zweck zu verwenden. Darauf abgebildet: die gekappten Bäume am südlichen Rand des Abschnitts im Querumer Holz. Dedekind: „Dieses Bild der Waldruine ist ein Symbol, wie wir auch mit der Not kreativ umgehen sollen.“
In seinem Abschlussgebet, im 18. Jahrhundert geschrieben von dem Theologen Friedrich Christoph Oettinger, dürften selbst nicht gläubige Besucher des Stadtteilabends eine Botschaft für sich erkannt haben. Dabei hieß es:
Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.
Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.
Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Die großen Diskussionen
Flughafen, Freibad und Verkehr – drei große Themenkomplexe, die beim „BZ bei uns“ natürlich nicht fehlten. Aber deutlich wurde auch, dass die Waggumer durch die Schwierigkeiten, die mit dem Flughaufenausbau und anderen Ratsentscheidungen zusammenhängen, nun noch mehr zusammenhalten. Es habe einen gesellschaftlichen Ruck gegeben, sagte der Pfarrer.
„Die Stimmung ist gut, trotz aller Probleme“, betonte Polizei-Kontaktbereichsbeamter Michael Brezina. „Wir Waggumer machen viel zusammen“, erinnerte Rita Köhler, Gemeinschaft Wohneigentum, zum Beispiel an den Bürgerbrunch im Sommer. „Wir diskutieren viel, aber wir streiten nicht“, verriet Ingo Knigge von der Vorständegemeinschaft. Die dort vertretenen Vereine verabreden zweimal im Jahr die Termine der Veranstaltungen im Ort, damit sich nichts überschneidet.
Das ist gut so. Überschnitten haben sich aber in den vergangenen Jahren die Probleme, mit denen es die Einwohner zu tun bekommen haben: Der Verlust eines großen Teils des Querumer Holzes. Die Kappung der Grasseler Straße. Veränderte Verkehrsströme, von denen sich die Waggumer belastet fühlen. Jede Menge Baustellen, Umleitungen und Wartezeiten, so dass „selbst Autofahrer aus Waggum sich in ihrem Ort derzeit wie Fremde fühlen“, so der Pfarrer.
Keine Frage, die Waggumer sind in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen Stadtteilen mehr belastet worden. Alte, positive Aussagen zu einem Tunnel unter der Landesbahn hindurch wurden nach veränderter Lage revidiert, was zu dauerhaftem Missmut führte – und immer noch führt. Aber auch die Kosten müssen berücksichtigt werden.
Ralf Beyer von der Bürgerinitiative Waggum brachte das alles beim Stadtteilabend noch einmal auf den Punkt und ist sogar überzeugt, dass eine Tunnellösung spezieller Bauweise immer noch möglich sei: „Nur die Landebahnverlängerung müsste gerade mal für sechs Monate gesperrt werden.“ Beyer rief Vertreter anderer Bezirke zu Solidarität auf: „Wir sind auch solidarisch, wenn es um wichtige Anliegen dort geht.“
Benno Marschke, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Nord-Ost der Geschäftsleute und Handwerksbetriebe, sprach von Umsatzeinbußen der Gewerbetreibenden. Aus Querum mache sich nach Kappung der Grasseler Straße heute kaum noch jemand auf den Weg nach Waggum zum Einkaufen, stellte er fest.
Für die Streiter zum Erhalt des Freibades betonte Gert Bikker: „Bei den 0,9 bis 1,4 Millionen Euro, die laut Stadtbad GmbH erforderlich sind, sind Sanierung von Wegen, Kiosk und Umkleiden mit eingerechnet. Nach Schätzungen unserer Fachleute müssten für Erneuerung von Becken und Wassertechnik nur 500 000 Euro investiert werden.“
Ein gelungenes Experiment
Was bei Podiumsdiskussionen üblich ist, wurde erstmals beim Stadtteilabend ausprobiert. Moderator und Lokalchef Henning Noske ließ Zuhörer der „BZ bei uns“-Veranstaltung zu Wort kommen. Ein Experiment.
Nicht deshalb, weil die Stimme der Waggumer Bevölkerung nicht gefragt wäre. Ganz im Gegenteil! „Wir Redakteure sind darauf angewiesen, dass Sie uns sagen, was Sie bewegt, wo Ihr Schuh drückt“, erklärte Noske.
Aber so eine Runde ist nur möglich, wenn sich diejenigen, die sich zu Wort melden, kurzfassen. Der Moderator kündigte Strenge an, aber die Besucher sahen das genauso. Zumal Politiker, so ist es guter Brauch bei den Stadtteilabenden, nicht zu Wort kommen. Ausnahme ist der Bürgermeister des jeweiligen Bezirkes.
Vereine sorgen sich um ihren Treffpunkt
Was bei den Besucher-Meinungen herauskam, waren Lob und Kritik für die Zeitung, Hinweise auf Problemlagen jenseits von Themen wie Ortsdurchfahrt, startenden VW-Fliegern und noch immer nicht startenden Forschungsflugzeugen – und auch nachdenklich machende Bemerkungen.
Zum Beispiel brachte Dieter Bolling vom Männer-Gesang-Verein das Thema Kulturzentrum zur Sprache. In dieser Speisewirtschaft treffen sich viele Vereine, doch der Fortbestand des Hauses ist in Gefahr. Die Gruppen scheinen ihren Versammlungsort zu verlieren. Noske versprach: „Ein wichtiges Thema, das wir garantiert in der Zeitung aufgreifen werden.“
Kornelia Schröpfer nutzte die Gelegenheit, um auf künftigen zusätzlichen Verkehr durch ein etwa 100 Häuser großes geplantes Neubaugebiet „Vor den Hörsten“ nördlich des Nordendorfswegs aufmerksam zu machen. Sie und ihre Mitstreiter hatten auch schon Info-Zettel an Bewohner der umliegenden Straßen verteilt.
Interessante Wortmeldungen zu neuem Baugebiet
„Wir sind nicht gegen das Baugebiet, fordern aber, dass die Zufahrt nicht über die bestehenden Wohnstraßen erfolgt, sondern über eigene Erschließungsstraßen“, sagte sie.
Daraufhin meldete sich ein Besucher zu Wort, der nach eigener Aussage im Auftrag des Investors dort Bauplätze vermarktet: „Ich habe beim Stadtteilabend gelernt, dass in Waggum viel Tolles auf die Beine gestellt wird“, sagte er. „Aber durch die vielen negativen Themen gibt es viele Interessenten für Bauplätze, die sich einmal und dann nie wieder melden.“
Für Henning Noske war die Fragerunde ein voller Erfolg – das Experiment ist gelungen.
