Das Scheppern der Verse
2012-02-18T15:00:26+0100Braunschweig Kult auch bei uns – so lief der Poetry Slam
Leif Kipp hat es bis ins Finale geschafft. Der groß gewachsene, hagere Schüler hat schon in der Hauptrunde des Poetry Slams am Freitagabend im LOT-Theater das Publikum darüber entscheiden lassen, ob er einen selbst verfassten Text lesen oder doch die fünf Minuten „freestylen“ solle. Die 250 Zuschauerinnen und Zuschauer im proppenvollen Saal an der Kaffeetwete wollten den „Freestyle“, also das Reimen aus dem Kopf, ohne Vorbereitung. Kipp kann das.
Wie nur wenige Rapper seines Alters will er es nicht höher und schneller und weiter, sondern hält inne, lässt seine Silben nachklingen, die von der Angebeteten erzählen und von den Nazis, die er nicht mag. Und von einem Club namens Filz, in dem er nur einen Tag später zu HipHop-Beats rappen wird.
Erst 18 Jahre alt ist dieses große Talent, und erhält zurecht viele Punkte. Entscheidet doch bei dieser Form von Bühnendichtung das Publikum darüber, wer den Preis des Abends gewinnt. Das hebt die Stimmung im Saal, denn untereinander wird kommuniziert und versucht, die Menschen mit den entscheidenden Punktekarten zu beeinflussen.
Der Poetry Slam boomt, und diese offene Stimmung gehört zu den Gründen dafür. 600 Karten, so sagen die Braunschweiger Veranstalter, hätten sie verkaufen können. Schon bevor die Werbung losgehen sollte, waren alle Tickets weg. Diesen Zulauf erleben die Slams im ganzen Land, und das, obwohl der in den USA entstandene Poetry Slam vor gut 15 Jahren von Verlagen wie Rowohlt, den Feuilletons und den Lifestyle-Medien einmal als Trend-Thema durchgeschleift wurde. Und seither dort nur noch wenig Beachtung findet. Die Slam-Gemeinde muss das nicht kümmern, wie auch der Braunschweiger Poetry Slam zeigte. Hier gab es Dichtung in breiter Vielfalt.
Die Kielerin Katharina Brutscher etwa schockte mit einer „Schwanz-ab!“-Geschichte. Durch die gewalttätigen Zeilen schlummerte jedoch immer die Möglichkeit einer zärtlichen Wendung auf, was ihrem gut einstudierten Text immer die Spannung erhielt.
Sven Olinski, Gründer des Hugh Grant-Fanclubs Destedt dagegen, besang die Schmetterlinge im Bauch, bis diese sich als Raupen entpuppten. Ähnlich uferte der Prosa-Text des Braunschweiger Lesebühnen-Granden Axel Klingenberg aus, der vom schwierigen Verhältnis von Vater und Baby erzählte.
Bis auf den bereits genannten jungen Braunschweiger Kipp waren es jedoch zwei andere erfahrene Bühnenpoeten, die es ins Finale schafften. Sebastian Butte ist Lehrer und organisiert in Bremen Veranstaltungen. In seinen beiden Texten machte er deutlich: „Slammen“ heißt auf deutsch knallen. Er ratterte seine Zeilen über die 90er Jahre und Facebook durch.
Mit einem hochkomischen Text über einen Pickel schließlich hatte es der Dresdener Thomas Jurisch ins Finale geschafft, und seine an der Stand Up Comedy geschulte Vorträge garantierten ihn dann auch im Finale volle Punktzahl. Von seiner Verweiblichung hatte er erzählt, aber eben in einer Drastik, die mitunter an Louis de Funès erinnerte.
Seit acht Jahren lebt Jurisch ganz vom Poetry Slam, veranstaltet zwei eigene Abende in Dresden, reist aber auch von Slam zu Slam. Schon im März wird er wieder in Braunschweig vortragen, ebenso wie der Zweitplatzierte Sebastian Butte. Denn die beiden Ersten nehmen automatisch am „Best Of“-Slam im Roten Saal teil.




