Von der Großstadt verschluckt – die Torhäuser
Braunschweig Unsere Redaktion zeigt in der Ferienzeit Orte in unserer Stadt, die etwas Besonderes haben.
Achtlos rauscht der Verkehr an der Torhäusern vorüber. Keine Fürsten-Karossen mehr, keine holpernden Postkutschen, Kaufleute oder Bauern mit ihren Kiepen und Karren, wie sie, so mag man sich vorstellen, im frühen 19. Jahrhundert Braunschweigs Einfallsstraßen mit den repräsentativen klassizistischen Wach- und Zollhäuschen passierten.
Der herzogliche Oberbaudirektor Peter Joseph Krahe hatte die sieben Toranlagen mit ihren streng symmetrischen Zwillingshäusern, Brücken und Plätzen zwischen 1804 und 1823 sorgfältig geplant und jedem Stadteingang ein individuelles Gepräge gegeben. Sie standen für Aufbruch. Die Stadt befreite sich gerade von ihrem Korsett, dem barocken Festungsstern.
Entlang des Okerumflutgrabens entstand die Wallpromenade. Aus Bastionen wurden Aussichtsberge. Die Torhäuser mit ihren Anklängen an die antike Baukunst verkörperten im Zeitalter Goethes das Idealbild einer Einfahrt in die Stadt.
Wohl ahnte der Bauherr nicht, dass sie nur wenige Jahrzehnte später vom Getriebe der modernen Großstadt verschluckt werden würden. Im Zuge der Industrialisierung sprengte die Stadt ihre noch mittelalterlichen Grenzen.
Um die Fachwerkstadt mit ihren damals gerade 20 000 Einwohnern wuchsen Fabriken und Mietshäuser. Die Torhäuser wurden unscheinbar. Mit der Entstehung wirtschaftlicher Binnenmärkte fielen auch die Zollschranken. Ein Jahr nach Krahes Tod im Jahr 1840 erklärte Braunschweig seinen Beitritt zum Deutschen Zollverein. Das Aus für die Torhäuser.
Heute wacht die städtische Denkmalpflege über die drei noch verbliebenen Torhaus-Paare am Wendentor, Fallersleber Tor und Steintor, die von Künstlern und Architekten als Ausstellungs- und Veranstaltungsorte genutzt werden.
Letzte Zeugen eines noch vorindustriellen Stadtbildes, eines kurzen Atemzuges der Geschichte zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht.



